Veranstaltung zum Tag des offenen Denkmals>>>>>>>

Jüdische Grabsteine in Ingelheim online gestellt.

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Jüdischer Friedhof Großwinternheim                          Foto: Michael Schlotterbeck

Beate Schwenk schrieb in der Allgemeinen Zeitung Ingelheim:

„INGELHEIM – Es ist eine ebenso mühsame wie verdienstvolle Aufgabe, der sich Klaus Dürsch über zehn Jahre hinweg gewidmet hat. Der Vorsitzende des Deutsch-Israelischen Freundeskreises (DIF) hat die mehr als 200 Grabsteine auf den vier jüdischen Friedhöfen in Ingelheim dokumentiert. Zunächst wurden alle Steine fotografiert, danach in akribischer Feinarbeit Inschriften entziffert und Abkürzungen entschlüsselt. Experten vom Essener Steinheim-Institut sorgten für Ergänzungen und die Digitalisierung der Daten. Das Projekt wurde von der Stadt Ingelheim und der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten finanziell gefördert.

 

„Die schwierigste Arbeit war das Entziffern der teilweise recht verwitterten hebräischen Schriften“, berichtet Klaus Dürsch, der elf Jahre lang in Israel gelebt und gearbeitet hat. „Manche Abkürzungen erschlossen sich erst in detektivischer Arbeit.“ Auf die Idee, die Grabsteine auf den jüdischen Friedhöfen zu dokumentieren, kam Dürsch, als er für den Friedhof Im Saal einen Lageplan anfertigen wollte. Im Jahre 2001 nämlich hatte man die Grabsteine, die in der NS-Zeit auf den Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße gebracht worden waren, wieder an ihren ursprünglichen Standort Im Saal zurückversetzt. Bei seiner Arbeit entdeckte Dürsch, dass die bisherige Editierung ergänzungsbedürftig war.

 

 Seit dem 14. Jahrhundert lebten in Ingelheim nachweislich Juden. Wo die ersten Friedhöfe lagen, ist nicht bekannt. Die vier erhaltenen Ruhestätten – Im Saal, Hugo-Loersch-Straße, Rotweinstraße und in Großwinternheim – stammen aus der Neuzeit. „Abgesehen von den hebräischen Inschriften sehen die jüdischen Friedhöfe nicht anders aus als die Friedhöfe unserer Vorfahren“, sagt Dürsch. „Die Steine wurden von den örtlichen Steinmetzen gefertigt, es wurden die gleichen Modelle verwendet.“ Auch die Symbolik sei sehr ähnlich. Es gibt Bilder wie die abgeknickte Rose für ein verstorbenes Mädchen oder die gebrochene Säule für den Tod in der Lebensmitte. Doch auch typisch jüdische Symbole, wie die segnenden Hände, sind über einigen Gräbern zu erkennen. So zum Beispiel auf dem Grabstein von Abraham Mayer in Großwinternheim (gestorben im Juni 1870).

Der älteste noch erhaltene Grabstein stammt aus dem Jahr 1726 und steht auf dem jüdischen Friedhof Im Saal. Der graue Sandstein ist stark verwittert und die Inschrift schwer zu entziffern. Möglicherweise wurde der Grabstein für die Gattin eines Ber/Per Oppenheim errichtet. Ein besonders aufwändig gestaltetes Denkmal steht auf dem Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße. Die Sandsteinstele mit Sockel und Rundbogenabschluss ist mit floralen Motiven verziert und erinnert an Bertha Stern (gestorben am 17. Juli 1892). Eine Besonderheit ist auch der Grabstein für die Familien Mayer-Goetz auf dem jüdischen Friedhof in der Rotweinstraße. Die Inschriften erinnern nicht nur an Michael Mayer, der dort 1935 beerdigt wurde, sondern auch an weitere Familienmitglieder, die in Auschwitz beziehungsweise nach der Flucht in Südamerika gestorben sind.

Datenbank hilft, Angehörige ausfindig zu machen

„Der weitere Verfall der Grabsteine, insbesondere der alten Sandsteine, wird sich nicht aufhalten lassen“, ist Klaus Dürsch bewusst. Durch die Dokumentation aber würden die Daten gesichert und stünden somit für Recherchen zur Verfügung. „Es kommt immer mal jemand vorbei, der Angehörige sucht“, erklärt der DIF-Vorsitzende. „Für diese Menschen ist die Datenbank eine Hilfe, Angehörige ausfindig zu machen und Informationen über sie zu erhalten.“

 Aktuelles aus Israel

Die kleinen Intitiativen in Israel werden durch die Spannungen oft übersehen. Deswegen hier ein Beispiel der Zusammenarbeit. Die untenstehende Deklaration ist dem Rundschreiben von Givat Haviva Deutschland, November 2015 entnommen.

 

Deklaration
Angesichts der gegenwärtigen Feindseligkeiten und der angespannten Situation in Israel haben wir, die Bürgermeister der benachbarten jüdischen und arabischen Gemeinden im Wadi Ara, die mit Givat Haviva im Projekt Shared Communities an einer gemeinsamen jüdisch-arabischen Zukunft arbeiten, uns entschlossen, uns an die Öffentlichkeit zu wenden. Dies ist unsere Erklärung:
I. Die israelische Unabhängigkeitserklärung bezeugt, dass der Staat Israel auf dem Prinzip der Gleichheit basiert und seit seiner Gründung Heimat für alle seine Bürger ist – sowohl für Juden als auch für Araber.
II. Wir rufen alle Bürger Israels – und besonders die Bewohner und Nachbarn unserer Region des Wadi Ara und des arabischen Dreiecks – auf, einander weiterhin mit Respekt zu begegnen und Schaden voneinander abzuwenden. Wir verurteilen vehement jeden Angriff auf Leib und Leben oder das Eigentum unserer Mitbürger sowie jede Form körperlichen oder verbalen Missbrauchs!
III. Wir appellieren an die Anführer beider Völker, die Hetze und das Schüren weiterer Unruhe zu unterlassen! Es ist jetzt unsere Aufgabe, für Ruhe und Frieden zu sorgen und die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Wir appellieren auch an die religiösen Führer, an Intellektuelle, Erzieher und Lehrer, uns bei der Erfüllung dieser Aufgabe zu unterstützen. Führen Sie uns in einen Dialog der Aussöhnung. Helfen Sie uns bei unserer Aufgabe, damit Kinder und Erwachsene mit dieser komple-xen Situation in einer Weise umgehen können, die sich nicht in Rassismus, Rachegefühlen, Bedrohungen oder Gewalt
gegenüber anderen manifestiert.
IV. Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass die beinahe 50-jährige Besatzung der West Bank unser Leben tagtäglich betrifft und beeinflusst. Sie ist der Grund für viele  Spannungen und die Gewalt und sie ist eine Gefahr für die Demokratie in Israel!
Wir fordern die israelische Regierung auf, eine politische Lösung zu finden, die es allen Menschen in Israel ermöglicht, in Sicherheit und Frieden zu leben!
V. Um die große Bedeutung des Tempelbergs/der Al-Aqsa-Moschee für Juden und Muslime wissend, fordern wir die Regierungen von Israel und Jordanien und die Palästinensische Autonomiebehörde, auf, diese Krise mit Umsicht und
Verantwortung zu lösen und den Status Quo dieser heiligen Stätte zu achten. In den letzten Jahren traten unsere Gemein-den dem Givat Haviva Programm „Shared Communities“ bei, in dem wir gute Nachbarschaft leben und gesunde und
konstruktive Beziehungen, zwischen den jüdischen und arabischen Gemeinden in der Region fördern wollen. Dieses Pro-gramm ist geeignet, Sicherheit sowie sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt für alle Einwohner der Region zu schaffen.
Heute, angesichts der Verschlechterung der Sicherheitssituation und der Verschlechterung der Beziehungen zwischen Juden und Arabern in Israel, ist es unsere größtes Anliegen, die erreichten Fortschritte in den nachbarschaftlichen Beziehungen in
der Region zu wahren. Wir werden auch weiterhin unsere guten Beziehungen pflegen und geloben, auch in Zukunft an unserer Partnerschaft, die auf gegenseitiger Verantwortung, Respekt und Gleichheit zwischen Juden und Arabern in der Region und in dem Land basiert, mit all unserem Engagement festzuhalten.
Die Unterzeichner
Bürgermeister: Itsik Cholevsky, Bürgermeister Megiddo Regional Council Hassan Atamna, Bürgermeister Kafr Kara Local Council Mustafa Agbaria, Bürgermeister Ma’ale Irron Local Council Ilan Sade, Bürgermeister Menashe Regional Council Ibrahim Muassi, Geschäftsführender Bürgermeister Baka el Garbiya Diab Ghanem, Bürgermeister Zemer Regional Council Rani Aidan, Bürgermeister Emek Hefer Regional Council
Givat Haviva: Riad Kabha, Direktor Jüdisch-Arabisches Zentrum für den Frieden Mohammad Darawshe, Direktor Shared Living-Programme Itamar Shwika, Direktor Stiftung Havatzelet Yaniv Sagee, Generaldirektor Givat Haviva.