Stolpersteine

Das Projekt Stolpersteine wurde von dem Kölner Künstler Gunter Demnig zur Erinnerung an die Vertreibung und Ermordung der Juden und anderer Verfolgter durch die NS-Diktatur ins Leben gerufen, siehe www.stolpersteine.com. Er setzte auch die Steine in Ingelheim.
Stolpersteine Familie Kahn
Stolpersteine für die Familien Kahn/Kraushopf im Neuweg 1

Verneigung vor den Opfern

Die Initiatoren wollen erreichen, dass das Schicksal der verfolgten Ingelheimer Bürger unvergessen bleibt. Wer lesen will, was auf den Steinen geschrieben steht, muss man sich herunterbeugen. Dieses Verneigen ist eine Geste der Ehrerbietung vor den Opfern. Die Steine aus Messing wurden auf dem Gehweg eingelassen.

Stolpersteine in Ingelheim am Rhein

In den Jahren 2006, 2008 und 2010 wurden in Ingelheim insgesamt 36 Stolpersteine an 13 Stellen gesetzt. Die Initiative Stolpersteine in Ingelheim ging von der Anti-Gewalt und Rassismus-AG (AGAG) der Integrierten Gesamtschule Kurt Schumacher aus und wurde von der Stadtverwaltung unter Leitung von Oberbürgermeister Dr. Joachim Gerhard und dem Deutsch-Israelischen Freundeskreis Ingelheim e.V. unterstützt. Am 7. August 2006 wurden die ersten 17 Steine gesetzt. Sie erinnern an die 17 Menschen, die am 20. September 1942 aus Ingelheim deportiert wurden.  Sie wurden verschleppt, weil sie sich selbst als Juden bezeichneten bzw.  ihnen das Jude-Sein zugeschrieben wurde. Die Steine wurden vor den letzten mehr oder weniger freiwillig gewählten Wohnsitz ins Straßenpflaster eingelassen. In den meisten Fällen das Haus, in dem die Menschen den größten Teil ihres Lebens verbracht haben. Eine Ausnahme ist die Familie Schäfer, siehe dort.

 

Übersichtsplan Stolpersteine 2006Sieben Stolpersteine wurden 2008 vor die Häuser gesetzt, in denen jüdische Ingelheimer gelebt haben, die ermordetet wurden oder deren Schicksal ungewiss ist. Die meisten erinnern an Familienangehörige der Besucher, die im November 2008 auf Einladung der Stadt Ingelheim am Rhein und des Deutsch-Israelischen Freundeskreis Ingelheim e.V. zu Gast waren. Zwei Steine wurden auf Initiative der heutigen Hausbesitzerin verlegt.

2008 und 2010 waren die Ingelheimer weiterführenden Schulen mit engagierten Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften in das Projekt eingebunden.

 

Verlegestellen

1 Mainzer Str. 78, Familie Nussbaum

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Berta und Gustav Nussbaum

>>Gustav Nussbaum, *11.01.1874, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim, nach Theresienstadt, überlebte das KZ.
Bert(h)a Nussbaum, geb. Neumann *15.09.1879, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim, nach Theresienstadt, überlebte das KZ.

 

 

 

Lotte Nussbaum 1920-ca1942
Lotte Nussbaum 1920-ca1942

Lotte Nussbaum, *20.06.1920, ermordet in einem der Vernichtungslager im Osten.

2 Mainzer Str. 31, Familie Otto Mayer

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Otto Mayer

>>Otto Mayer,

*20.06.1882, verhaftet 1942, Lager Neustrum, Emslandlager V, ermordet 1942.
Olga Mayer, geb. Mayer, *14.07.1886, deportiert 1942 Richtung Osten, vermisst, Todesdatum unbekannt.

 

 

 

Margot Mayer
Margot Mayer

Margot Mayer, *31.12.1922, deportiert 1942, Piaski / Lublin, vermisst, Todesdatum unbekannt.

3 Mainzer Str. 14, Familie Koch

Lina Koch
Lina Koch

>>>Lina Koch, *23.05.1883, deportiert 1942, Piaski / Lublin, vermisst, Todesdatum unbekannt.
Alfred Koch, *09.05.1886, deportiert, Auschwitz, ermordet 1942.

4 Binger Str. 4, Familie Schäfer

Artur Schäfer, *17.10.1894, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.
Betty Schäfer, geb. Bendorf *01.02.1904, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.
Inge Schäfer, *18.09.1927, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.

5 Bahnhofstr. 23, Familie Karl Neumann

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Lilly und Karl Neumann

>>>Karl Neumann, *04.12.1872, deportiert 1942 aus Wiesbaden, Theresienstadt, ermordet 1943.
Luise ’Lilly’ Neumann, geb. Mayer, *29.08.1882, deportiert 1942 aus Wiesbaden, Theresienstadt, ermordet 1944.

6 Bahnhofstr. 79, Familie Moritz Neumann

Moritz und Hedwig Neumann Das Foto stammt von seiner Tochter Anna, verh. Kaufmann, die in die USA emigrieren konnte. Die Fotos ihres Vaters und ihrer Mutter standen bis zu ihrem Tod im Jahre 2002 in ihrer Wohnung. Erhalten von Milton Kaufman
Moritz und Hedwig Neumann

>>>Moritz Neumann, *21.10.1878, deportiert 1942 aus Wiesbaden, Theresienstadt, Todesdatum unbekannt.
Hedwig Neumann, geb. Roos, *16.01.1883, deportiert 1942 aus Wiesbaden, Theresienstadt, vermisst, Todesdatum unbekannt.

7 Bahnhofstraße 129, Familie Mayer

>>>Henrietta Mayer, geb. Stein, * 20.06.1861, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet 1942.
Ferdinand Mayer, *07.07.1887, Flucht in den Tod 1940 in Berlin.
Robert Mayer, *14.06.1888, verhaftet 1938, Dachau, Flucht in den Tod 1943 in Offenbach.

8 Neuweg 1, Familie Kahn

>>>Rieke Kahn, geb. Fränkel, JG. 1867, Flucht nach Frankreich, 1940 in Paris, Flucht in den Tod.
>>>Leo Krauskopf, *25.12.1895, deportiert 1942 Richtung Osten, Todesdatum unbekannt.
>>>Paula Krauskopf, geb. Kahn, *17.06.1899, deportiert 1942, Richtung Osten, Todesdatum unbekannt.
>>>Harry Kahn, * 22.01.1920, verhaftet 1938, Buchenwald, Flucht nach Frankreich, interniert in Drancy, deportiert 1942, Auschwitz, ermordet.

9 Stiegelgasse 25 / Synagogenplatz, Familie Langstädter

Ludwig Louis Langstädter
Ludwig Louis Langstädter

>>Louis Ludwig Langstädter,

*06.04.1879, deportiert 1942, Richtung Osten, Todesdatum unbekannt.
Elisabeth Langstädter, geb. Kahn, *14.05.1895, deportiert 1942, Richtung Osten, Todesdatum unbekannt.

10 Stiegelgasse 51, Familie Eisemann

>>>Marius Eisemann, *01.12.1890, Stiegelgasse 51, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.
Thekla Eisemann, geb. Teutsch *27.06.1902, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.
Ernst Simon Eisemann, *26.12.1891, deportiert, Auschwitz, ermordet 1943.

11 Heimesgasse 6, Familie Wertheim/Oppenheimer

Sofie Oppenheimer, geb. Stein *03.10.1874, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.
Mutter von Friederike Anna Wertheim, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.
Josef Wertheim, *02.01.1893, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.
Friederike Anna Wertheim, geb. Oppenheimer *04.03.1903, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.

Renate Wertheim
Renate Wertheim

Renate Wertheim, *20.03.1935, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.

(weitere Details siehe unten auf dieser Seite)

12 Heimesgasse 14, Familie Mayer

>>>Johanna Mayer, geb. Kapp *23.11.1880, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.

13 Oberer Zwerchweg 24, Familie Loeb/Kahn

Emilie Kahn, geb. Loeb *25.05.1879, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.
Loeb, Ernst 23.06.1891, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.
Erna Loeb, geb. Kahn *24.07.1905, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.

Günther Löb
Günther Loeb

Günter Loeb, *24.05.1927, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim.

 

Zu den Personen:

1 Mainzer Str. 78 Familie Nussbaum

>>>Gustav Nussbaum, *11.01.1874, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim, nach Theresienstadt, überlebte das KZ.
Bert(h)a Nussbaum, geb. Neumann *15.09.1879, deportiert 20.9.1942 aus Ingelheim, nach Theresienstadt, überlebte das KZ.
Lotte Nussbaum, *20.06.1920, ermordet in Auschwitz. Zur Lebensgeschichte >>>

2 Mainzer Str. 31 Familie Otto Mayer

Otto Mayer, *20.06.1882, verhaftet 1942, Lager Neustrum, Emslandlager V, ermordet 1942.
Olga Mayer, geb. Mayer, *14.07.1886, deportiert 1942 Richtung Osten, vermisst, Todesdatum unbekannt.
Margot Lea Mayer, * 31.12.1922, deportiert 1942, Piaski / Lublin, vermisst, Todesdatum unbekannt.

Otto Mayer
Otto Mayer als Schüler der Höheren Bürgerschule Ingelheim, ca. 1902. Foto: Meyer 1998, S. 368.

Otto Friedrich Mayer, Jahrgang 1882, war gebürtiger Nieder-Ingelheimer. Die Eltern, die einen Weinhandel hatten, lebten in der Mainzer Straße und danach in der Grundstraße. Ihr Sohn Otto Mayer stieg in den elterlichen Betrieb ein und arbeitete später als Weinhändler und Kaufmann im Außendienst. Geschäftlich war der nur 1,50 Meter große Mann offenbar nicht sonderlich erfolgreich, dafür engagierte er sich ehrenamtlich in der Nieder-Ingelheimer Sanitätskolonne.

Am 23. Januar 1922 heiratete Otto Mayer die Ober-Ingelheimerin Olga Philippine Mayer, Tochter von Moritz und Henrietta Mina Mayer, die eine Kohlenhandlung in Ober-Ingelheim hatten. Er wurde von den Ober-Ingelheimern der „Kohlen-Mayer“ genannt (siehe Verlegestelle 7, Bahnhofstr. 129).

Nach der Hochzeit zogen Otto und Olga Mayer mehrfach innerhalb Ingelheims um. Zuletzt mieteten sie sich bei Familie Mett in der Mainzer Straße ein. Nach dem Pogrom 1938 wurde Otto Mayer zum ersten Mal verhaftet und im KZ Buchenwald interniert. Nach seiner Entlassung im Dezember 1938 beschlossen er und seine Ehefrau, die beiden jüngeren Kinder Ruth und Berthold nach England in Sicherheit zu bringen.

Die Kinderverschickung nach England dürfte den jüdischen Geschwistern Ruth und Berthold Mayer im Zweiten Weltkrieg das Leben gerettet haben. Denn anders als ihre ältere Schwester Margot entgingen sie der Deportation durch die Nationalsozialisten. Nach der Reichspogromnacht im November 1938 entschieden sich die Eltern Otto und Olga Mayer, ihre beiden jüngeren Kinder Ruth (13) und Berthold (10) nach Birmingham zu schicken. Nur die älteste Tochter Margot Lea, damals 17, blieb bei den Eltern in Nieder-Ingelheim.

Die drei in Deutschland verbliebenen Familienmitglieder zogen am 9. September 1939 von Ingelheim in die Martinstraße nach Mainz. Doch auch dort holte sie der Terror ein. Am 12. Dezember 1941 wurde Otto Mayer erneut verhaftet. Nachdem er mehrere Haftanstalten und Lager durchlaufen hatte, starb er am 26. April 1942 im Emslandlager KZ Neusustrum. Todesursache war laut Krankenakte eine „Kreislaufschwäche“.

Die 19-jährige Tochter Margot wurde am 20. März 1942 in der Mainzer Wohnung der Mayers abgeholt und in den Osten deportiert. Ihr Mutter Olga Mayer blieb nun allein zurück. Der Kontakt mit ihren beiden jüngeren Kindern in England beschränkte sich auf sporadische Briefwechsel.

Am 30. September 1942 schließlich wurde auch Olga Mayer deportiert. Ebenso wie ihre Tochter Margot wurde sie in den Osten verschleppt. Beide, Mutter und Tochter, wurden zum 31. Dezember 1945 für tot erklärt.

Ruth und Berthold Mayer, die den Krieg in England überlebten in England. Ursula Krechel beschreibt in ihrem Roman „Landgericht“ einfühlsam das nicht einfache Schicksal dieser nach England geretteten Kinder. Beide emigrierten 1948 nach New York. Erst Jahre später erfuhren sie vom Schicksal ihrer Eltern und ihrer Schwester Margot.

 

Schülerinnen der Kaiserpfalz-Realschule plus erinnern an Otto, Olga und Margot Mayer. 2010

Ruth Mayer besuchte Ingelheim 1998 auf Einladung des Deutsch-Israelischen Freundeskreises und der Stadt Ingelheim am Rhein. Berthold brach jeglichen Kontakt mit seiner Familie ab.

 


 

 

 

Stolpersteine für Otto, Olga und Margot Mayer

 

An den letzten Wohnort der Familie Otto Mayer in Ingelheim erinnern heute drei Stolpersteine für Otto, Olga und Margot vor dem Haus in der Mainzer Straße 31 (Weingut Mett).
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3 Mainzer Str. 14

>>>Lina Koch, *23.05.1883, deportiert 1942, Piaski / Lublin, vermisst, Todesdatum unbekannt.
Alfred Koch, *09.05.1886, deportiert, Auschwitz, ermordet 1942.

Die Patenschaft übernahm die Albert-Schweitzer-Schule unter Leitung von Frau Lilli Nonte.
Lina Koch lebte hier, gegenüber von der Remigius-Kirche. Ihre Eltern besaßen vor dem 1. Weltkrieg eine Düngemittelfabrik im Blumengarten. Zur Reichspogromnacht war Lina Koch 57 Jahre alt. Auch in ihre Wohnung drangen die Nazis ein und demolierten sie. Sie flüchtete zur Familie Heinrich und Salomon Strauß, die eine Metzgerei im Saalgebiet hatte. Auch dort waren die Nazis gewalttätig und Lina wurde von einem SA-Mann geschlagen. Lina Koch wurde dann verhaftet. Geld, Schmuck und ihr gesamter Grundstücksbesitz mitsamt dem Gelände der Düngemittelfabrik ihrer verstorbenen Eltern abgenommen und enteignet. Lina Koch wohnte nach ihrer Freilassung in Mainz und wurde 1942 im Alter von 61 Jahren nach Polen deportiert. Ihr Bruder Alfred war in Norddeutschland verheiratet. Er wurde nach Auschwitz deportiert und 1942 dort ermordet.

4 Binger Straße 4 Familie Schäfer

Schäfer, Artur 17.10.1894 (zum Zeitpunkt der Deportation 48 Jahre)

Schäfer, Betty geb. Bendorf 01.02.1904 (zum Zeitpunkt der Deportation 38 Jahre)

Schäfer, Inge 18.09.1927 (zum Zeitpunkt der Deportation 15 Jahre)

Familie Schäfer betrieb das Schuhgeschäft Schäfer und Raphael in der Stiegelgasse 29, etwa dort, wo heute der Jungfernpfad in die Stiegelgasse einmündet. Das Schuhgeschäft bestand seit mindestens 1865. In der Reichspogromnacht am 9.-10.11.1938 wurde auch dieses Geschäft überfallen und demoliert. Da die Wohnung zerstört war, kam Familie Schäfer zuletzt in der Binger Straße 4 (links neben dem Kopierladen) unter. Hier war die Metzgerei Strauß. Betty, Ernst und Renate Schäfer wurden von hier aus am 20.9.1942 deportiert. Deshalb wurden die Stolpersteine hier, an ihrem letzten Wohnsitz in Ingelheim verlegt (Meyer 1998, S. 258).

Werbeanzeige für das Schuhgeschäft aus der Ingelheimer Zeitung vom 13.10.1925.

5 Bahnhofstr. 23 Familie Karl Neumann

>>>Karl Neumann, JG. 1872, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet 1943

>>>Luise ’Lilly’ Neumann, geb. Mayer , JG. 1882, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet 1944

Die Patenschaft übernahm die Realschule unter Leitung von Frau Müller-Algesheimer.

6 Bahnhofstr. 79 ( Mutterhaus Möbel Schwaab) Familie Moritz Neumann

>>>Moritz Neumann, JG. 1878, deportiert 1942, Todeszeitpunkt unbekannt.

Hedwig Neumann, geb. Roos, JG. 1883, deportiert 1942, Todeszeitpunkt unbekannt.

Verlegung der Stolpersteine unter Mitwirkung von Schülerinnen und Schülern des Sebastian-Münster-Gymnasiums unter Leitung von Susanne Schwark.

Moritz Neumann war zusammen mit seinem Bruder Karl als Teilhaber an der Weinhandlung Laufer. Nach der Machtübernahme durch die nationalsozialistische Diktatur 1933 liefen die Geschäfte so schlecht, so dass die Brüder das Geschäft 1938 schließlich verkaufen mussten. Sie lebten dann in Wiesbaden, bis sie ca. 1942 von dort ins KZ Theresienstadt deportiert wurden und dort umkamen (Siehe Neumann, unten)

7 Bahnhofstr. 129, Familie Moritz Mayer

Stolpersteine für Henrietta Mina und ihre beiden Söhne Robert und Heinrich Mayer.
Schülerinnen und Schüler der IGS Kurt-Schuhmacher erinnern an die Ermordeten der Familie Moritz Mayer

Stolpersteine für Henrietta Mina und ihre beiden Söhne Robert und Heinrich Mayer.

 

Kurz bevor die Bahnhofstraße in den Ober-Ingelheimer Markt einmündet, dort wo heute die Bushaltestelle ist, betrieb die Familie Moritz und  Henriette Mina Mayer seit 1863 eine Kohlenhandlung. Da viele Familien Mayer hießen, wurden sie „Kohlen-Mayer“ genannt. Sie hatten sechs Kinder. Moritz Mayer starb früh. Sein Sohn Martin verkaufte 1934 die Handlung. Vermutlich wirkte sich der Boykott der jüdischen Geschäfte von 1933 auch hier negativ aus. Moritz Frau Henrietta Mina Mayer lebte in dem Haus noch bis 1939 zur Miete und zog dann nach Mainz. Sie wurde am 28. September 1942 im Alter von 81 Jahren über Darmstadt ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 13. Oktober 1942 an den Folgen der Haft. Für sie und ihre Söhne Ferdinand und Robert werden Stolpersteine vor der früheren Kohlenhandlung in der Bahnhofstraße (jetzt 129) gesetzt. Das Haus steht nicht mehr.

Zwei Kinder von Henrietta Mina und Moritz Mayer konnten sich retten. Die älteste Tochter Alice Babette, verh. Löwensberg und der jüngste Sohn Martin emigrierten in die die USA. Von ihren elf Enkelkindern lässt sich nachweisen, dass neun gerettet wurden, weil sie rechtzeitig ins Ausland gebracht werden konnten, Margot wurde ermordet und ein Schicksal ist unbekannt.

 

Familie Mayer, einst Kohlehändler in der Bahnhofstraße

Beate Schwenk schrieb dazu in der AZ-Ingelheim am 8.11.2010:

MAHNUNG Nur noch Messingplatten erinnern an Familie Mayer in Ober-Ingelheim

(pea). Vor wenigen Wochen hat der Kölner Künstler Günter Demnig auf Initiative des Deutsch-Israelischen Freundeskreises (DIF) zwölf weitere Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt. Sie erinnern an Ingelheimer Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden.

Wer waren die jüdischen Familien, an die mit den Gedenktafeln aus Messing erinnert wird? Dieser Frage geht die Allgemeine Zeitung in einer vierteiligen Serie nach. Am oberen Ende der Bahnhofstraße war früher eine Holz- und Kohlenhandlung. Genau dort, wo sich heute ein Parkplatz mit Bushaltestelle befindet, hatte die jüdische Familie Mayer bis in die 1930er Jahre ihr Geschäft. Seit 1863 war die Holz- und Kohlenhandlung in Familienbesitz. In dem Laden in der Bahnhofstraße wurden Back- und Tuffsteine, Kaminrohre, Koks oder Wagnerhölzer verkauft. Auch Baumaterialien, Kisten und Koffer waren dort zu bekommen.

Regelmäßig warb der jüdische Kohlenhändler Moritz Mayer im Rheinhessischen Beobachter mit großformatigen Anzeigen. Als Moritz Mayer am 2. Juni 1892 völlig überraschend mit nur 38 Jahren starb, ließ er seine Ehefrau Henrietta Mina Mayer, geborene Stein, mit sechs kleinen Kindern zurück. Wer nach dem Tod des Familienvaters den Betrieb weiter führte, darüber gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Vermutlich aber war es seine Witwe Henrietta Mina. Sie leitet den Betrieb wohl so lange, bis ihr jüngster Sohn Moritz Martin die Geschäfte übernahm.

Eine Propagandaveranstaltung vor dem Haus der Familie Mayer in der Bahnhofstraße. Das Haus steht heute nicht mehr. Das Foto stammt von einem schwarz-weiß Rollfilm 24×36 von sehr schlechter Qualität, (grobkörnig, verfärbt, ohne Kontrast), was erfahrungsgemäß auf ein Aufnahmedatum während des Krieges schließen lässt. Ohne digitale Nachbearbeitung wäre es nicht verwendbar. Vermutlich wurde es um 1940 aufgenommen.
Quelle: Fotoarchiv Weiland

Am 17. Februar 1933 wurde in der Ingelheimer Zeitung über die „Firma Kohlen-Mayer“ berichtet. Anlass war das 75-jährige Bestehen des Familienbetriebes. Bei dieser Gelegenheit teilte die Zeitung ihren Lesern auch mit, dass die Kohlenhandlung einen neuartigen Küchenbrennstoff auf den Markt bringen werde, der unter anderem „ruß- und schlackenfrei“ sei. In den 1930er Jahren waren in der Holz- und Kohlenhandlung auch Artikel wie Bohnenstangen, Rosenpfähle, Baumstützen oder Einfriedungspfähle zu haben.

1934 wurde das Anwesen der Familie Mayer an den „arischen“ Kohlenhändler Johann Rauth verkauft. Während Moritz Martin Mayer mit seiner Familie nach Berlin zog, wohnte seine Mutter Henrietta Mina zunächst weiter in der Bahnhofstraße. Am 3. Oktober 1939 zog auch sie, wie viele andere Ingelheimer Juden, nach Mainz. Von dort wurde die 81-Jährige am 28. September 1942 über Darmstadt nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 13. Oktober 1942 ermordet wurde.

Freitod als einzige Lösung

An ihr Schicksal erinnert ein Stolperstein, den der Kölner Künstler Gunter Demnig vor der Bushaltestelle in der oberen Bahnhofstraße in den Gehweg eingelassen hat. Rechts und links davon liegen zwei weitere Messingtäfelchen. Sie sind dem Gedenken an ihre Söhne Ferdinand und Robert gewidmet. Ferdinand Moses Mayer wurde am 7. Juli 1887 geboren und war das dritte Kind von Henrietta Mina. Er besuchte bis 1901 die Höhere Bürgerschule in Ober-Ingelheim. Später lebte er in Berlin-Neukölln.

Sein jüngerer Bruder Robert Heinrich Mayer, geboren am 14. Juni 1988, ging bis 1902 auf die Höhere Bürgerschule. Während des Ersten Weltkrieges war Robert Soldat. Mit Unterbrechungen lebte er bis 1922 in Ober-Ingelheim. Später zog er nach Offenbach, wo er als Kaufmann und Fabrikant tätig war. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Robert von der Staatspolizei Offenbach in „Schutzhaft“ genommen und ins KZ Dachau gebracht. Wann er wieder entlassen wurde, ist nicht bekannt.

Beide Brüder, Ferdinand und Robert Mayer, überlebten die NS-Zeit nicht. Ferdinand starb am 11. März 1940 in Berlin und Robert am 22. März 1943 in Offenbach. Beide flohen vor den Nazis in den Freitod. Die Brüder wurden nur 52 beziehungsweise 54 Jahre alt.

 

8 Neuweg 1, Familie Salomon Kahn

>>>siehe Ludwig Langstädter.

9 Stiegelgasse 25, Louis Ludwig und Betty Langstädter

Der Ober-Ingelheimer Lehrer Louis Ludwig Langstädter wohnte im Vorderhaus der Synagoge, Stiegelgasse 25. Während des Pogroms am 9. – 10. November 1938 wurde seine Wohnung verwüstet, so dass er zu seinem Schwager Leo Krauskopf nach Mainz ziehen musste. Von dort wurden er, seine Frau Betty, sein Schwager und seine Schwägerin Paula 1942 in den Osten deportiert. Informationen über ihren weiteren Verbleib liegen nicht vor. Die Ehepaare wurden höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Stolpersteine für Ludwig und Betty Langstädter vor ihrem letzten Wohnsitz in Ingelheim in der Stiegelgasse 25

 

 

 

 

 

 

10 Stiegelgasse 51 Familie Eisemann

Eisemann, Marius geb. am 01.12.1890, Stiegelgasse 51 (zum Zeitpunkt der Deportation 52 Jahre)

Eisemann, Thekla geb. Teutsch, geb. am 27.06.1902 (zum Zeitpunkt der Deportation 40 Jahre)

Ernst Simon Eisemann, geb. am 26.12.1891, deportiert, Auschwitz, ermordet 1943.

>>>siehe Lebensgeschichte der Familie Eisemann

11 Heimesgasse 6, Familie Wertheim

Oppenheimer, Sofie geb. Stein 03.10.1874, (zum Zeitpunkt der Deportation 68 Jahre), Mutter von Friederike Anna Werthheim

Wertheim, Josef 02.01.1893 (zum Zeitpunkt der Deportation 49 Jahre)

Wertheim, Friederike Anna geb. Oppenheimer 04.03.1903 (zum Zeitpunkt der Deportation 39 Jahre)

Wertheim, Renate geb. am 20.03.1935 (zum Zeitpunkt der Deportation 7 Jahre)

Renate Wertheim war die jüngste der letzten 17 Ingelheimer Juden, die am 20. September 1942 aus Ingelheim deportiert wurden. Eine Nachbarin hob dieses Foto des Mädchens auf.

12 Heimesgasse 14, Johannetta Mayer

Mayer, Johannetta (Hettie), geb. Kapp 23.11.1880 Heimesgasse 14 (zum Zeitpunkt der Deportation 62 Jahre)

 

13 Oberer Zwerchweg 24, Familie Loeb

Kahn, Emilie geb. Loeb, 25.05.1879 (zum Zeitpunkt der Deportation 63 Jahre)

Loeb, Ernst 23.06.1891, (zum Zeitpunkt der Deportation 51 Jahre)

Loeb, Erna geb. Kahn 24.07.1905, (zum Zeitpunkt der Deportation 37 Jahre)

Loeb, Günter 24.05.1927, (zum Zeitpunkt der Deportation 15 Jahre)

Günters Vater Ernst Loeb kam aus Bayern, war im 1. Weltkrieg Soldat gewesen und hatte dann den elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb geleitet.

Günters Mutter Erna Friederike Kahn war Ingelheimerin, besuchte hier zunächst die Volksschule und Realschule, später die Höhere Mädchenschule in Mainz. Sie arbeitete vor ihrer Heirat im „Nassauer Hof“ in Karlsruhe, einem jüdischen Hotel.

Seine Eltern haben 1924 geheiratet. Sie übernahmen den Betrieb der Großeltern mütterlicherseits und bauten Wein, Gemüse und Obst in Ingelheim an.

Am 24. Mai 1927 wurde Günter Loeb als einziges Kind seiner Eltern in Ober-Ingelheim geboren.
Er wohnte mit seinen Eltern Ernst und Erna und seiner Oma Emilie in der Bahnhofsstraße in Ingelheim.

Günter besuchte zunächst die Volksschule in Ingelheim,nach dem Schulverbot der Nazis dann die Jüdische Bezirksschule in Mainz und die Berufsfachschule der jüdischen Kultusvereinigung in Frankfurt.Dort begann er eine Ausbildung als Schlosser.

1937, als Günter 10 Jahre alt war wurde ihr Haus in der Bahnhofstraße von der Familie Weidenbach gekauft und Familie Loeb zog mit der Oma in den Oberen Zwerchweg 24 um.

Im gleichen Jahr beantragte Günters Vater eine Ausreisegenehmigung in die USA. Er hatte die Wartenummer 30 005 der Visumsantragsteller.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstörten Schlägertrupp Loebs Wohnung. Günter war zu der Zeit elf Jahre alt. Auch die Synagoge in Ingelheim, die Synagoge in Mainz und die Jüdische Bezirksschule im Nebengebäude

der Synagoge in Mainz, die Günter zu der Zeit besuchte, wurden in der Pogromnacht zerstört. Sein Schulleiter Eugen Mannheimer beging an diesem Tag Selbstmord.

Am 30. September 1942 wurden Günter, sein Vater, seine Mutter und seine Oma von Darmstadt aus in den Osten verschleppt, vermutlich nach Treblinka. Treblinka war ein Vernichtungslager der Nationalsozialisten, in dem die verschleppten Menschen grausam vergast wurden.

Am 20. September 1943 wurden diese vier Menschen für tot erklärt.

Die einzig Überlebende der Familie, Günters Tante, erinnerte nach dem Krieg auf einer Gedenktafel auf dem jüdischen Friedhof in Ingelheim an ihre Familie:

„Die Namen meiner Mutter Schwester und Schwager und ihres Sohnes (Günter) die ermordet wurden in der Blüte ihrer Jahre.“

Günter war zum Zeitpunkt des Mordes 15 Jahre alt, sein Vater 52, seine Mutter 38.

Dieser Text wurde von Schülerinnen und Schülern der Albert-Schweitzer-Schule Ingelheim unter Anleitung von Frau Lilli Nonte verfasst und am 9. November 2011 an der Stele am Synagogenplatz vorgetragen:

Grabstein mit der Gedenktafel für die ermordeten Familienmitglieder auf dem Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße