Stolpersteine Heidesheim

Stolpersteine in Heidesheim

In Heidesheim wurden sechs Stolpersteine verlegt, sowie eine Stolperschwelle vor der Wohnanlage ZOAR. In den nächsten Wochen werden an dieser Stelle die Schicksale der betroffenen Personen dargestellt.

Grabenstraße 46
Max und Johanna Holländer, Schlossmühle

Binger Straße 1
Rosa Gruner (geb. Ehrenstamm)

Römerstraße 19
Rosalie Heiser (geb. Stein)
Helena Stein
Berta Stein

Oberdorfstraße 10
Rosalia Bär (geb. Ehrenstamm)

Binger Str. 46

Vor der ZOAR, seit dem 1. April 1938 „Landesalters- und Pflegeheim Heidesheim“ genannt, wurde für die 73 Euthanasieopfer eine Stolperschwelle in das Pflaster eingebracht.

Stolperstein für Rosa Gruner, Heidesheim
Stolperstein für Rosa Gruner, Binger Str. 1 in Heidesheim

Rosa Gruner wurde am 23. April 1891 in Heidesheim geboren. Die frühesten Vorfahren lassen sich bis ins 18. Jahrhundert nachweisen. Ihr Vater Alexander Ehrenstamm, geboren am 10. Mai 1859, führte laut einer Anzeige aus dem Jahr 1908 einen „Specereiladen“ (einen kleinen Lebensmittelladen) wohl aber auch Kurzwaren und Stoffe. Er war ein angesehener Heidesheimer Bürger, der in einigen Vereinen aktiv war: So war er Mitbegründer des Gesangvereins „Einigkeit“, der heute unter dem Namen „Sängervereinigung“ bekannt ist. Weiterhin war er Mitglied im Turnverein und der freiwilligen Feuerwehr. Er war der letzte jüdische Familienvorstand und verstarb am 13. März 1932 noch vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Heidesheim bestattet (>>siehe Grabstein). Alexander Ehrenstamm führte den Laden über 40 Jahre.


Der Laden von Alexander Ehrenstamm in der Binger Str. 1, ca. 1900.
Quelle: Willi Geisenhof, übernommen aus Christian Müller, S. 182
Das Haus 2022 Foto: DIF

Rosa Ehrenstamm heiratete am 5. September 1926 in Heidesheim den Witwer Benno Gruner aus Ingelheim. In erster Ehe war Benno Gruner mit Minna Rosam verheiratet. Laut Einwohnermeldeamt Ingelheim kam Benno Gruner zusammen mit seiner ersten Frau Minna, geb. Rosam am 10. September 1914 aus Lissa, Posen, heute Leszno, Polen. Er und weitere Angehörige zogen zu und waren somit eine der wenigen ostjüdischen Familien hier. Benno Gruner betrieb wahrscheinlich seit seinem Zuzug am 10. September 1914 eine Manufaktur für Weiß- und Wollwaren in der Binger Straße 2 in Ingelheim. Das Geschäft wurde laut einem erhaltenen Briefkopf 1902 gegründet, möglicherweise in Gau-Algesheim. Gründer war Leopold Rosam, einem Bruder von Benno Gruners erster Frau Minna. Am 25. September 1914 wurde es laut Eintrag in Gewerberegister in Nieder-Ingelheim angemeldet. Leopold Rosam starb 1916 während des ersten Weltkriegs als Kriegsgefangener in einem Lazarett in Coutances/Manche in Frankreich. Und ist auf dem Soldatenfriedhof in Wervicq Sud bestattet.

Eine Postkarte von ca. 1915 Das Schild zwischen Adler-Apotheke und Rosam gehört zu Rosams Laden und bewirbt dessen Warensortiment. Manufaktur, Kurzwaren, Wollwaren, Hüte Mützen, Kleider und Confektion. Quelle: r.p.weiland fotoarchiv alt ingelheim. Auf einem späteren kolorierten Druck ist der Name Rosam wegretuschiert, weil das Geschäft inzwischen aufgelöst worden war.

Minna Gruner starb am 17. Mai 1926 in Nieder-Ingelheim im Alter von 45 Jahren laut Todesanzeige nach kurzer und schwerer Krankheit. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße bestattet. Benno Gruner heiratete in zweiter Ehe am 5. September 1926 Rosa Ehrenstamm aus Heidesheim. Es ist davon auszugehen, dass das Paar in der Binger Straße 2 in Nieder-Ingelheim lebte. Rosas Vater Alexander Ehrenstamm starb am 13. März 1932. Laut Einwohnermeldeamt Ingelheim zogen Benno und Rosa Gruner am 27. Mai 1932 nach Heidesheim. Das Geschäft in Nieder-Ingelheim wurde laut Eintrag im Gewerberegister am 25. Mai 1932 aufgelöst. Dies steht wohl in Zusammenhang mit dem Tod von Rosas Vater, der das Geschäft in Heidesheim führte und das sie nun zusammen mit ihrem Mann Benno übernahm. Ein Jahr später suchte die Familie ein neues Unglück auf. Benno Gruner starb am 10. April 1933 im Alter von 53 Jahren. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Heidesheim bestattet. Bemerkenswert ist, dass er kurz nach dem Beginn des Boykotts jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 starb. Benno Gruner hat sicher die Gefahren und wahrscheinlich auch Diskriminierungen der Juden noch mitbekommen, die gleich seit der Machtübergabe an die Nationalsozialistische Diktatur im Januar 1933 begannen. Rosa Gruner führte das Geschäft weiter und wandelte es in ein Kurz- und Wollwarengeschäft um. Das war sehr mutig, da der Umsatz in den jüdischen Geschäften durch den Boykott seit 1933 rapide zurückging. Aus den Gemeindeprotokollen von Heidesheim geht hervor, dass sie 1935 um Nachlass bei der Gewerbesteuer bat. Dieser wurde ihr nicht gestattet, weist aber darauf hin, dass das Geschäft schlecht ging.

Während der Novemberpogrome 1938 zogen die braunen Fackelträger samt aufgeputschten Heidesheimer Bürgern zu dem jüdischen Laden in der Binger Straße 1 und schändeten das Geschäft. Zeitzeugen berichteten, dass Bettzeug auf die Straße geworfen wurde. Eine wertvolle Briefmarken- und Münzsammlung soll dabei verloren gegangen sein. Müller legt nahe, dass sie Täter sie mitgenommen haben. Die entsetzte und völlig verängstigte Rosa Gruner hätte Hilfe in dem gegenüberliegenden Rathaus gesucht. Aber dort öffnete man ihr nicht die Tür und so muss sie völlig verstört, wenige Stunden nach dem Pogrom die Koffer gepackt haben und die Flucht nach Stuttgart zu anverwandten Cousinen gesucht haben.

Von November 1938 und bis November 1941 hat sie dann in Stuttgart bei der Verwandten gelebt. Es handelt sich um die beiden Töchter von Max und Rosalia Stein, Helena und Berta, verh. Sauerbach, die wenige Jahre nach dem Tod ihres Vaters 1902 mit ihrer Mutter nach Stuttgart gezogen waren (siehe Stolpersteine in der Römerstaße 19 link einbinden).

Yad Vashem in Jerusalem hat die Zugfahrt in den Tod dokumentiert:

„Ab dem 27. November 1941 sollten alle zur Deportation vorgesehenen Juden am Stuttgarter Killesberg in einem der Gebäude am Gelände der ehemaligen Reichsgartenschau, welches nun als Sammellager diente, versammelt werden. Sie mussten in der ehemaligen „Ehrenhalle des Reichsnährstandes“ warten. Die 1.000 Personen mussten dort unter entsetzlichen hygienischen Umständen bis zu drei Tage und Nächte verbringen und schliefen in acht Reihen mit je 125 provisorischen Betten.

Im Sammellager Killesberg ließ die Stuttgarter Stadtverwaltung einen Propagandafilm anfertigen. Die erste Deportation wurde noch als „Umsiedlung“ bezeichnet, und die Deportierten durften Bau- und Küchengeräte sowie Verpflegung mitnehmen. Die Enge im Sammellager ist zu sehen, aber es sollte der Eindruck einer geordneten Auswanderung erweckt werden. Das im Film gezeigte Gepäck wurde den Juden in Riga aber nicht ausgefolgt.

Für den Transport der Juden nach Riga bestellte die Gestapo bei der Reichsbahn einen Zug, welcher unter der Nummer Da 33 bereitgestellt wurde. Am frühen Morgen, gegen 3 Uhr, des 1. Dezembers 1941 wurden die Juden zum Nordbahnhof gebracht, der Fußmarsch über den Eckartshaldenweg betrug ca. 2,5 Kilometer. Die Abfahrt erfolgte zwischen 8 und 9 Uhr morgens. Die Fahrt in überfüllten Passagierwaggons dritter Klasse nach Riga dauerte drei Tage, Ankunft am Bahnhof Skirotava war am 4. Dezember. Während des Transportes wurden die Juden von Gestapobeamten bewacht.

Die Württemberger Juden kamen zuerst nicht in das Rigaer Ghetto, da die SS mit den Erschießungen der baltischen Juden noch zugange war, sondern in das Gut Jungfernhof, 1500 m vom Ankunftsbahnhof entfernt. …

Am 26. März 1942 wurden im Wald Bikernieki bei Riga 1.600 „arbeitsunfähige“ Erwachsene und Kinder, darunter alle Mütter mit ihren Kindern, erschossen. Unter ihnen befanden sich auch mehrere Hundert Juden aus diesem Transport.“ Wahrscheinlich auch Rosa Gruner, Helena Stein und Berta Sauerbach, geb. Stein.

Von dieser ersten Deportation aus Stuttgart überlebten 43 Personen, davon sind fünf Personen kurz nach Kriegsende verstorben.

Auf ihrer Heiratsurkunde vom Standesamt Ingelheim ist vermerkt, dass sie laut Beschluss des Amtsgerichts Stuttgart vom 25. November 1947 zum 27. November 1941 für tot erklärt wurde. Das Datum ist der Beginn der Sammlung der Juden auf dem Killesberg in Stuttgart. Wahrscheinlich wurde der Termin deshalb vom Amtsgericht gewählt. (Weitere Details zur Deportation siehe unter:  Yad Vashem, Jerusalem Zugfahrten in den Tod. Yad Vashem

Rosa Gruner wurde 50 Jahre alt. Auf der Flucht vor den menschverachtenden Ideologien eines wahnwitzigen Nationalsozialismus musste sie schließlich doch ihr wertvolles Leben lassen und wurde unter menschunwürdigsten Bedingungen in dem Ghetto von Riga ermordet.

Noch bis vor wenigen Jahren existierte der kleine Laden in der Binger Straße 1 weiter. Er wurde bis Ende 1984 von einem Großneffen von Rosa Gruner weiter geführt, Willi Stein. Heute ist dort eine Verkaufsstelle der VOG.

Klaus Dürsch. Dank an Jochen Schmidt, das Stadtarchiv Ingelheim und das Archiv Im Lamm in Heidesheim.