Renate Wertheim

Kinder vor Rassismus schützen

Renate Wertheim

Ein Beitrag des Deutsch-Israelischen Freundeskreises Ingelheim e.V. zum Tag des offenen Denkmals 2020

Die jüdischen Friedhöfe gehören zu den wichtigsten erhaltenen Zeugnissen jüdischen Lebens in Deutschland. In den südwestdeutschen Regionen gibt es fast in jedem Dorf eine Begräbnisstätte. Die Friedhöfe erzählen nicht nur von jüdischem Leben in der Region, sondern geben auch Auskunft über die Begräbniskultur unserer Vorfahren. Denn der Umgang mit den Toten war ähnlich.

Renate Wertheim

Jedes Jahr wird der größte jüdische Friedhof in Ingelheim am Tag des offenen Denkmals für Besucher geöffnet. Klaus Dürsch, Vorsitzender des Deutsch-Israelischen Freundeskreises Ingelheim am Rhein, führt über den Friedhof. Auch in diesem Jahr soll sich diese Führung an einigen Personen orientieren, die hier bestattet wurden. Sie soll gleichzeitig einen Bogen in die Gegenwart schlagen.

Einladung zu einem digitalen Rundgang, der auch individuell und real nachgegangen werden kann

Heimesgasse 6

Lasst uns eine Zeitreise ins Jahr 1939 unternehmen. Renate Wertheim würde noch leben. Ihre Großmutter hätte sie an die Hand genommen und wäre mit ihr zu den Gräbern ihrer Vorfahren gegangen. Renate war damals vier Jahre alt, die Großmutter, Sophie Oppenheimer, geb. Stein war 65 Jahre alt. Was hätte sie ihr gezeigt? Auf einen Rundgang durch Ingelheim auf den Spuren von Renate Wertheim möchte ich Sie einladen.

Herbert und Renate Wertheim, vor 1938 Foto: privat

Renate und ihre Großmutter wohnten in Ober-Ingelheim in der Heimesgasse 6. Das Haus ist heute ein wenig verändert, aber noch zu erkennen.

Die Heimesgasse Richtung Stiegelgasse. Links neben der Frau ist das Hoftor der Familie Oppenheimer/Wertheim zu erkennen. Heute liegen vor dem Haus Stolpersteine.
Quelle: Fotoarchiv Weiland
Sophie Oppenheimer, geb. Stein, Großmutter von Renate Wertheim. Foto: privat

Städtischer Friedhof Ober-Ingelheim

Renates Großvater Siegmund Oppenheimer war im Mai 1938 gestorben. Ein Grabstein konnte trotz der Diskriminierung und Geldnot noch gesetzt werden. Das geschah in der Regel ein Jahr nach der Bestattung, also ca. im Mai 1939. Das Grab befindet auf dem städtischen Friedhof von Ober-Ingelheim in einem Teil, der durch eine Lebensbaumhecke abgetrennt ist. Damals war der jüdische Friedhof eigenständig neben dem städtischen. Aufgrund der Vertreibung und Ermordung auch der Ingelheimer Juden wurde das Grundstück verkleinert. Es gibt dort nur wenige Grabsteine. Der Friedhof ist erst 1933 angelegt worden. Der alte Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße war zu klein geworden.

Siegmund Oppenheimer. 1866 – 1938
Foto: Michael Schlotterbeck >> weitere Informationen

Die Großmutter wird ihre Enkelin an das Grab ihres Großvaters geführt haben, der erst vor kurzem gestorben war. Das Grab ist mit einem Rahmen aus Beton eingefasst. Damals war es mit kleinem, weißem, scharfkantigen Kies bedeckt. An der Kopfseite Richtung Osten (Jerusalem) erhebt sich eine graue, hochrechteckige Platte mit einem zurückgesetzten Rand. Er ist aus Kunststein gefertigt. Darauf in vertieften Buchstaben auf Hebäisch und Deutsch die Widmung. Der Besucher wird als erstes den Namen Siegmund Oppenheimer erkennen. Darunter steht: geboren am 21. Dezember 1866 und gestorben am 7. Mai 1938. Darüber eine Schrift auf Hebräisch. Groß zunächst תנצבה Das bedeut, dass die Person hier in Frieden ruhen möge. Die Punkte über den Buchstaben bedeuten, dass es eine Abkürzung ist. Darüber steht noch sein hebräischer Name, Schlomo. Die Ingelheimer Juden waren nicht orthodox. Das erkennt man an vielen Dingen. Zum Beispiel den Vornamen aber auch an der Art der Gräber. Viele hatten einen deutschen und einen hebräischen Vornamen. Das kann als Zeichen des Versuchs einer Akkulturation oder Assimilation gedeutet werden. Der hebräische Name war notwendig, um in der Synagoge zum Vorlesen aus der Thora aufgerufen werden zu können. Die meisten werden kein hebräisch gekonnt haben. Sie wurden dann vorgerufen und der Kantor las den Text an ihrer Stelle. In Ingelheim war das bis November 1938 Herr Louis (Ludwig) Langstädter. Die Synagogalnamen der Ingelheimer Juden sind nur auf den Grabsteinen erhalten. Oftmals gib es Beziehungen zwischen dem Rufnamen und dem Synagogalnamen. Hier ist es der Anfangsbuchstabe „S“. Dass auf dem Grab Kies lag, wissen wir nur aus einem erhaltenen Foto aus der Zeit. Heute ist da nur Erde.

Renate wird sich nicht für die Einzelheiten interessiert haben. Der heutige Wissbegierige kann einen Link zu epidat öffnen und sich in die Inschriften vertiefen. Siehe die Hinweise unter den Fotos.

Grabstein von Heinz Wertheim, 1933-1934
Foto: Michael Schlotterbeck >>weitere Informationen zur Person

Sophie Oppenheimer wird ihre Enkelin auch an das Grab von Heinz, Renates älterem Bruder geführt haben. Er war der Zwillingsbruder von Herbert, damals sechs Jahre alt. Er starb ein halbes Jahr nach seiner Geburt. Das Grab ist in der vordersten Reihe ganz links neben der Hecke und schwer zu entziffern. Der Grabstein hat den gleichen Stil und wurde aus dem gleichen Material hergestellt wie der des Großvaters, schließt aber mit einen Rundbogen ab. Auf Hebräisch steht hier: „Hier ruht der Knabe Aharon, Sohn des Josef“. Auf Deutsch: „Heinz Wertheim, 1933 – 1934“. Heinz Vater war Josef Wertheim. Der Vorame des Vaters war gleichzeitig sein Synagogalname, da Josef ein biblischer Name ist.

Friedhof Hugo-Loersch-Straße

Wahrscheinlich ging die Oma auch auf den älteren jüdischen Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße. Dort sind Renates Vorfahren bis ins 18. Jahrhundert nachweisbar. Gehen Sie mit auf den digitalen Rundgang zu den Gräbern der Vorfahren von Renate Wertheim.

Wenn die Großmutter mit Renate auf den Friedhof ging, so holte sie ihre Enkelin in der kleinen Wohnung im Hinterhaus (Heimesgasse 6) ab. Renate wohnte dort mit ihren Eltern und ihrem großen Bruder Herbert in zwei Zimmern. Die Mietwohnung in der Mühlstaße hatte sie aufgegeben. Wahrscheinlich konnten sie die Miete nicht mehr bezahlen. Die Großmutter wohnte im Vorderhaus, wo auch der Laden war. 1939 wird hier schon lange nichts mehr verkauft worden sein. Die Familie bot Textilien und Stoffe aller Art an. Die Großmutter nahm Renate an die Hand und öffnete das überbaute Tor zur Heimesgasse. Die beiden schlugen sicher den Weg links bergauf ein und bogen bald in die Stiegelgasse ein. Ein paar Schritte weiter öffnete sich der Markt. Sie überquerten ihn und spazierten in die Rinderbachstraße. Diese führte sie nach wenigen Metern durch das überbaute Stadttor zum Schillerplatz hinaus (Das Stadttor wurde abgerissen, der Schillerplatz ist heute eine Straßenkreuzung). Während die beiden die Grundstraße entlang liefen, näherten sie sich immer mehr dem romanischen Turm der Remiguskirche von Nieder-Ingelheim. Damals standen hier noch nicht viele Häuser. Bald bogen sie nach links ab. Bergab erspähten sie eine Mauer zwischen den Feldern und Weinbergen. Dann gab ein Gittertor den Blick ins Innere frei. Grabsteine reihten sich auf. Vielleicht fragte Renate, warum der Friedhof so weit draußen liegt. Und vielleicht wusste ihre Oma, dass jüdische Friedhöfe laut talmudischen Vorschriften in der Regel außerhalb der Stadt angelegt wurden. Eine Umzäunung sollte vor unbefugtem Zutritt von Mensch und Tier schützen. Oft sind die Gräber Richtung Jerusalem ausgerichtet, so auch hier. Die Grabsteine befinden sich meistens am Kopfende, manchmal auch am Fußende. Die jüdischen Friedhöfe dürfen nicht aufgelöst werden. Bei Platzmangel (Prag) wurde neue Erde aufgeschüttet und darüber weitere Tote beerdigt. Als Zeichen der Verehrung werden Steine auf das Grab gelegt. Auch Grablichter und Zettel mit Wünschen und Gebeten sind üblich. Blumen gibt es bei nicht orthodoxen auch aber eher selten. In Ingelheim sind glücklicherweise die Grabeinfassungen erhalten, wie sie auf orthodoxen Friedhöfen nicht üblich waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auf vielen Friedhöfen diese Einfassungen für die bessere Pflege entfernt, was aber den Charakter der Friedhöfe veränderte.
Der Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße wurde um 1830 angelegt. Der älteste entzifferbare Grabstein stammt von 1842. Heute liegt der Friedhof mitten in der Stadt.
Wer den Friedhof betritt (heute kann der Schlüssel an der Pforte im Rathaus Neue Mitte geholt werden), gelangt rechter Hand schon in der zweiten Reihe an das erste Grab der Familie Wertheim/Oppenheimer. Bertha Oppenheimer, geb. Oppenheimer war die Schwester von Renates Großvater Siegmund.

Übersicht über den jüdischen Friedhof Hugo-Loersch-Strasse Foto: Michael Schlotterbeck

Vielleicht ging die Großmutter zunächst zum Grab von Renates Ur-Großmutter Friedericke Oppenheimer. Sie muss eine starke Frau gewesen sein. Ihr Grab liegt in der vierten Reihe. Die Gräber sind in Schlangenlinien angelegt. Vorne sind die jüngsten Gräber und hinten die ältesten.

Friedericke Oppenheimer, geb. Hirsch wurde am 4. Januar 1838 in Ober-Ingelheim geboren.
Sie heiratete am 15. Juni 1858 den Ober-Ingelheimer Handelsmann Emanuel Oppenheimer II. Das Paar wohnte in der Heimesgasse 6, dort wo auch Renate und ihre Großmutter leben.

Friedericke Oppenheimer, Hugo-Loersch-Straße
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Foto: Michael Schlotterbeck

Friedericke gebar in ihrer kurzen Ehe von elf Jahren bis zum Tod ihres Mannes 1869 neun Kinder. Drei starben bereits als Kleinkinder: Bertha war in Ingelheim verheiratet. Emil lebte in Köln. Isaak war Weinkommissionär in Ingelheim, Fanny war in Düsseldorf verheiratet. Sie starb 1943 im KZ Theresienstadt. Auch Ferdinand war Weinkommissionär in der Rinderbachstraße. Eine große Verwandtschaft also. Ihr Großvater Siegmund war das siebte Kind.

Sicher zeigte die Großmutter ihrer Enkelin nun das Grab von Renates Ur-Urgroßmutter Babethe, der Mutter von Friedericke, das nur ein paar Schritte entfernt liegt.

Babethe Hirsch, geb. Oppenheimer
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Foto: Michael Schlotterbeck

Dies ist einer der ersten Grabsteine in Ingelheim, die nur Deutsch beschriftet sind. Über Babethe ist wenig bekannt. Sie heiratete am 9. Dezember 1835 in Ober-Ingelheim den Viehhändler und Metzger Joseph Hirsch. Er verstarb bereits 1859, im 52. Lebensjahr. Eine Anzeige im Rheinhessischen Beobachter vom 3. Juni 1863 lässt darauf schließen, dass sie das Geschäft nach dem Tod ihres Mannes weiter führte. Dort heißt es: „Dung, circa 25 Karren voll, hat zu verkaufen Joseph Hirsch, Ww.“ (Witwe). Damals traten die Frauen noch nicht mit ihrem eigenen Namen auf. Auch Babethe gebar elf Kinder.

Vielleicht wollte Renate auch das Grab des Urgroßvaters sehen, Friederickes Mann. Dann führte sie die Großmutter geradeaus fünf Reihen weiter.

Grabstein von Emmanuel Oppenheimer, Urgroßvater von Renate
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Foto: Michael Schlotterbeck

Em(m)anuel wurde 1820 in Ober-Ingelheim geboren. Wahrscheinlich eröffnete er des Textilwarengeschäft in der Heimesgasse, in dem Renates Vater noch arbeitete und das durch den Nationalsozialismus zerstört wurde.

Diese Art Grabstein mit einem floralen Aufsatz ist in Ingelheim mehrfach erhalten. sowohl auf jüdischen als auch auf christlichen Friedhöfen. Die Form wird seinerzeit modern gewesen sein.

Die Ur-Urgroßväter

Vielleicht führte die Großmutter Renate auch zu den Gräbern der Urgroßväter. Sie schlängelten sich zwischen den Grabsteinen hindurch und hielten sich rechts zum hinteren Teil des Friedhofs. Unterwegs könnte die Großmutter auf die vielen Gräber der Onkel und Tanten von ihnen hingezeigt haben. Sie wird die ein oder andere Geschichte erzählt haben, die wir heute nicht mehr kennen. Ganz rechts etwas verborgen in der drittletzten Reihe liegen die beiden Ur-Ur-Grossväter nebeneinander. Josef Hirsch, der Mann von Babethe, starb im Februar 1859, Isaak Oppenheimer II, der Vater von Emanuel im August des gleichen Jahres.

Grabstein von Josef Hirsch gestorben am 2. Februar 1856
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Foto: Michael Schlotterbeck

Der Grabstein von Emanuel Oppenheimer hat nur eine hebräische Inschrift, wie alle Steine in Ingelheim bis ca. 1840. Das Material ist roter Sandstein. Renate wird nach den Händen gefragt haben. Die Großmutter wird ihr erklärt haben, dass es dem Großvater wichtig war, dass er aus der Priesterfamilie aus dem Stamm Levi abstammte und dass sie, die „Cohanim“ in der Synagoge immer noch besondere Gebete und einen besonderen Segen sprechen. Dabei werden die Hände wie auf dem Grabstein gehalten. Versuche es einmal nachzumachen. Es bedarf ein wenig Übung.

Der Grabstein hat die Form einer Krone. Das erinnert an einen Spruch aus der jüdischen Tradition, den Sprüchen der Väter (Pirkei Awot 4,17). Da heißt es, dass den Menschen drei Kronen zieren können, die Krone der Tora, also der Frömmigkeit und des Studiums, die Krone des Priestertums und die Krone des Königtums, also der Herrschaft. Aber die wichtigste Krone ist die des guten Namens. Die Angehörigen wollten mit diesem Grabstein den Verstorbenen ehren.

Deutlich zu erkennen ist der traditionelle Aufbau des Grabsteins. Oben zwei Buchstaben für die Abkürzung für: „Hier ist geborgen“, dann der Vorname, der Vorname des Vaters und eine Ehrung (Eulogie). Traditionell wird nur der Todestag und der Begräbistag nach dem jüdischen Kalender aufgeschrieben. Jeder hebräische Buchstabe hat einen Zahlenwert. Deshalb sind die Zahlen nicht leicht zu erkennen. Wer genau hinschaut, erkennt über manchen Buchstaben Punkte. Dann handelt es sich um Abkürzungen oder Zahlen. Den Abschluss bildet die Schlussformel, die wir schon am Grabstein von Siegmund Oppenheimer kennengelernt haben.

Grabstein von Isaak Oppenheimer II, gestorben am 28. August 1856
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Foto Michael Schlotterbeck

Gleich links neben dem Grabstein von Josef Hirsch erhebt sich der von Isaak Oppenheimer. Auch er ist aus Sandstein, hat aber eine andere Form.

Es gibt keine typisch jüdischen Grabsteine. Sie entsprechen der Mode der Zeit und waren in ihrer Form nicht anders als die der Christen.

Der Grabstein von Isaak Oppenheimer erinnert in seiner Form an einen römischen Grabaltar (Cippus) und hat sein Vorbild in der Antike. Im Altertum trug das Grabmal manchmal die Urne mit der Asche des Verstorbenen. Im 19. Jahrhundert diente dieses antike Vorbild als Ideengeber für christliche und jüdische Grabstätten. Auch die Urne wurde von Juden als Symbol übernommen, obwohl Feuerbestattung die Ausnahme blieb. Neben diesem Stein finden sich hier mehrere Beispiele dieser Grabsteingestaltung. Die symbolisierte Urne ist nicht mehr vorhanden, man kann aber erkennen, dass sie da war.

Die geschnörkelte Schrift fällt auf diesem Grabstein auf. Der Steinmetz muss sich viel Arbeit gemacht haben. Hier ist auch im deutschen Text nur das Sterbedatum nach dem jüdischen Kalender eingemeißelt.

Vielleicht war Renate wissbegierig und wollte auch an das Ende des Friedhofs gelangen. Dort, in der linken Ecke ist eines der ältesten Gräber. Hier wurde der Vater von Josef Hirsch bestattet.

Grabstein von Veith Hirsch, gestorben am 09. August 1844
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Foto: Michael Schlotterbeck

Dieser Grabstein gehört zu den einfachen auf dem Friedhof. Er erinnert an eine Zeit, als man durch die Grabsteine ausdrücken wollte, dass im Tod alle gleich sind. Jedoch wurde sich an diesen Spruch nicht immer gehalten. Der Name des hier Ruhenden ist verwirrend: „Veiwel, genannt Eljakim ben Zwi KaZ“ (Veith Hirsch). Das erste wird der Rufname sein. Dann folgt der biblische Synagogalname, dann entweder der Name des Vaters oder eine Ehrung. Ben Zwi KaZ bedeutet, Sohn des Priesters des Gerechten. Veith Hirsch wurde er genannt, nachdem durch Napoleon ein Gesetz erlassen wurde, dass alle Bürger einen bürgerlichen Namen führen mussten. Glücklicherweise gibt es in Ingelheim eine Liste aus dem Jahr 1809, aus der die früheren und die späteren Namen hervorgehen.

Hier fällt auf, dass es einen Schreibfehler gibt. Im hebräischen Alphabet gibt es zwei „T“. Hier wurde anscheinend das falsche T verwendet. Schreibfehler sind auf dem Friedhof sehr selten, obwohl viele Grabsteine von den örtlichen Steinmetzen angefertigt wurden. Manche Grabsteine sind mit ihrem Kürzel versehen.

Wir wissen nicht, wie Renate und ihre Großmutter und die anderen Familienmitglieder ihre Zeit verbracht haben. Es stand immer im Raum, dass sie enteignet werden sollten. Andererseits konnten sie das Haus nicht zu Geld machen und es für die Auswanderung nach Amerika nutzen. Sie hätten das Geld dafür nicht verwenden dürfen und sie haben auch kein Einreisevisum erhalten. Das lief nicht anders ab als mit den Flüchtlingen heute, die in die EU wollen.

Die Geschichte hat ein schreckliches Ende. Renates großer Bruder Herbert starb an Diphterie im März 1939 im jüdischen Krankenhaus in Frankfurt am Main. Renate, ihre Eltern und ihre Großmutter wurden mit zwölf weiteren Juden, den letzten in Ingelheim verbliebenen, am 20. September 1942 zunächst auf einem Lastwagen nach Mainz deportiert. Von dort mit dem Zug nach Darmstadt. Wir wissen nicht genau, wann sich ihre Wege trennten und wie lange sie noch zusammen bleiben durften. Von Darmstadt aus wurde die Großmutter Sophie Oppenheimer in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, das insbesondere für die alten Juden geplant war. Renate und ihre Eltern wurden in einen anderen Zug verfrachtet und nach allem was wir wissen direkt in das Vernichtungslager Treblinka getrieben und dort sofort vergast.

In Ingelheim erinnern heute Stolpersteine vor dem letzten Wohnsitz in der Heimesgasse an sie, ihre Eltern und ihre Großmutter. Der Platz zwischen dem Sebastian-Münster Gymnasium und der Mediathek ist nach ihr benannt. So wird sie nicht vergessen und sie ist eine Mahnung, dass wir heute unsere Kinder vor Rassismus schützen müssen.

Renate-Wertheim-Platz
Renate-Wertheim-Platz Foto: DIF

Ein Teil der Familie konnte die Verfolgung überleben. Ein Teil in den USA, manche auch in Deutschland.

In diesem Jahr gab es schon mehrere Kundgebungen einer kleinen rechtsextremistischen Gruppe in Ingelheim. Der Deutsch-Israelische Freundeskreis, die Anti-Rassismus AG des Sebastian Münster Gymnasiums und die Kinder- und Jugendfarm schützten den Platz, der im Andenken an Renate Wertheim so genannt wurde. Sie wollten ein Zeichen setzen, dass niemand ausgegrenzt werden darf. Renate war ein Ingelheimer Mädchen. Erst wurde gesagt, dass Juden nicht zu Deutschland gehören und dann wurde sie ermordet. Wir wollen niemanden ausgrenzen. Wir wollen heute die Kinder schützen. Das Sebastian-Münster-Gymnasium und die Mediathek an diesem Platz fördern Kinder in unseres Stadt. Wir lassen uns das nicht kaputtmachen.

Vier Stolpersteine liegen vor dem letzten freiwillig gewählten Wohnsitz der Familie Wertheim. Hier lebte sie zusammen mit ihrer Großmutter.
Foto: DIF

Klaus Dürsch

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