Stolpersteine Heidesheim
In Heidesheim wurden auf Initiative des Vereins Kultur und Politik e.V. sieben Stolpersteine und eine Stolperschwelle vor dem Eingang zum Zoar-Gelände gesetzt.
Orte der Stolpersteine
Grabenstraße 46
Max und Johanna Holländer, Schlossmühle
Binger Straße 1
Rosa Gruner (geb. Ehrenstamm)
Römerstraße 19
Rosalie Heiser (geb. Stein)
Helena Stein
Berta Sauerbach, geb. Stein
Oberdorfstraße 10
Rosalia Bär, geb. Ehrenstamm
Binger Str. 46
Vor der ZOAR, seit dem 1. April 1938 „Landesalters- und Pflegeheim Heidesheim“ genannt, wurde für die 73 Euthanasieopfer eine Stolperschwelle in das Pflaster eingebracht.
Juden in Heidesheim
Die Anfänge
Durch den dreißigjährigen Krieg erfuhr Rheinhessen einen großen Bevölkerungsschwund. Die Kurfürsten bemühten sich deshalb um die Ansiedlung neuer Bewohner, darunter auch Juden. Aus dieser Zeit stammen die meistern der jüdischen Familien in dieser Gegend.
In Heidesheim wohnten 1780 die Familien Salomon Löwensberg, Adam und Simon Rosenthal, Moises Benedikt und Franziska Ehrenstamm, Witwe von Benedikt Ehrenstamm. Diese Namen finden sich bis zur Shoah wieder. Stolpersteine und einige Gedenktafeln erinnern an die Orte, an denen sie gelebt haben.
Jüdischer Friedhof Heidesheim
Am 17. Januar 1882 genehmigte das Kreisamt Bingen die Errichtung eines jüdischen Friedhofs in Heidesheim. Dies war notwendig geworden, da die Mainzer Gemeinde verweigerte, die Heidesheimer Juden zu bestatten, da er zu klein geworden war. Der Heidesheimer Friedhof wurde am östlichen Ortsausgang außerhalb des Wohngebietes angelegt, so wie es nach der jüdischen Gesetzgebung (Halacha) vorgeschrieben ist. Heute ist das Dorf um den Friedhof herum gewachsen Der Friedhof liegt in der Straße „Am Judenfriedhof“. Die Grabsteine sind dokumentiert und online abrufbar unter Epidat
Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichte die jüdische Bevölkerung ihre größte Einwohnerzahl. Später zogen viele, wie in ganz Rheinhessen, in die größeren Städte. In dieser Zeit scheint es auch einen Betraum im Hause Ehrenstamm in der Oberhofstraße gegeben zu haben. Überhaupt war Alexander Ehrenstamm wohl die treibende Kraft bei vielen Gemeindeaktivitäten.
Anhand der Stolpersteine wird hier auch das Leben derjenigen Familienangehörigen erzählt, denen zum Teil auf abenteuerliche Weise die Flucht gelang.
Familie Ehrenstamm
Wann die Familie Ehrenstamm nach Heidesheim kam, ist bisher nicht genau zu belegen. Standesamtliche Urkunden aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts lassen auf eine Anwesenheit seit dem Ende des 18. Jahrhunderts schließen. Da sind einmal der Tagelöhner Jacob Ullmann und seine Frau Juliane, geb. Ehrenstamm. Sie verloren zwischen 1821 und 1834 drei Kinder. Dann sind da Ludwig Ehrenstamm und sein Bruder Jakob Moises Bacher. Wahrscheinlich haben die Brüder mit der verpflichtenden Einführung bürgerlicher Nachnamen unter der napoleonischen Herrschaft im Jahr 1808 unterschiedliche Familiennamen gewählt.
Die Stammeltern der Heidesheimer Ehrenstamms, die bis in die 1930er Jahre in Heidesheim gelebt haben, sind der Handelsmann Adam Ehrenstamm (geboren ca.1793) und seine Frau Henriette, geb. Erlanger. In den Urkunden wird er als Handelsmann bezeichnet. Er war Ellenwarenhändler, handelte also wie auch seine Nachfahren mit Textilien (siehe Heiratsurkunde von Jakob Ehrenstamm, Heidesheim Nr. 6/1848). Er starb bereits im Alter von 50 Jahren 1843. Ihr Sohn Jacob (Jacob) Ehrenstamm, ca. 1823 geboren, heiratete 1846 mit 22 Jahren die 29jährige Amalia, geb. Eichenfeld. Sie stammte aus Oberliederbach / Niederhofheim im Taunus. Ihr Vater starb, als sie elf war, ihre Mutter als sie 15 Jahre alt war. Die Großeltern waren bereits im 18. Jahrhundert gestorben. Vermutlich musste sie schon früh ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten und so kam sie als Dienstmagd nach Heidesheim, wohl zu Familie Ehrenstamm. Dort entwickelte sich eine Beziehung zum Sohn des Hauses. Der älteste Sohn Adolf wurde bereits zwei Monate nach der Hochzeit geboren. Jakobs Vater starb 1846. Jakob musste also schon früh das Geschäft übernehmen. Vermutlich war Amalie bereits seit mehreren Jahren im Haus und eine große Hilfe. Sie hatten mindestens zwei Söhne, Adolf und Alexander, und zwei Töchter, Rosalia und Regina. Die Namen deuten darauf hin, dass sich die Familie um Assimilation bemühte. Adolf Ehrenstamm heiratete 1870 Sara Strauss aus Offenburg. Das Ehepaar muss eine Weile in Heidesheim gewohnt haben, da ihre Tochter Rosalia 1875 hier geboren wurde (siehe Stolperstein).
Alexander Ehrenstamm
Der jüngste Sohn von Jakob und Amalia Ehrenstamm war Alexander, geboren am 10. Mai 1859. Er übernahm das Geschäft seines Vaters in der heutigen Binger Straße 1. Alexander Ehrenstamm führte laut einer Anzeige aus dem Jahr 1908 einen „Specereiladen“ (einen kleinen Lebensmittelladen), der aber auch Kurzwaren und Stoffe verkaufte. 1908 warb er in einer Jubiläumsschrift des Gesangvereins Einigkeit Heidesheim in einer Anzeige für Zigaretten und Zigarren und selbstgedruckte Ansichtskarten Er war ein angesehener Heidesheimer Bürger, der in einigen Vereinen aktiv war: So war er Mitbegründer des Gesangvereins „Einigkeit“, der heute unter dem Namen „Sängervereinigung“ bekannt ist. Weiterhin war er Mitglied im Turnverein und der freiwilligen Feuerwehr. Er war der letzte jüdische Familienvorstand und verstarb am 13. März 1932 noch vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Heidesheim bestattet (>>siehe Grabstein). Alexander Ehrenstamm führte den Laden über 40 Jahre.

Anzeige von 1908. Stadtarchiv Ingelheim am Rhein, Rep. A-40-63, 2

Alexander Ehrenstamm, links vorne. Archiv im Lamm, Heidesheim
Maximilian Stein
Irgendwann vor 1873 zog Maximilian Stein in Heidesheim zu. Er stammte aus Berent im damaligen Westpreußen. Er heiratete Rosalia Ehrenstamm, Tochter von Jakob und Amalia Ehrenstamm. Er stieg wahrscheinlich in den Weinhandel ein. In der Regel kauften die Händler den Wein von den Erzeugern und verkauften ihn in ganz Deutschland. Das Ehepaar hatte fünf Kinder: Helena, ledig, Flora, verh. Surhold, Bertha, verh. Sauerbach, Eugen und Art(h)ur. Am 27. November 1885 starb Rosalia im Alter von 47 Jahren. Maximilian Ehrenstamm heiratete 1887 seine Schwägerin Regina. Das Ehepaar hatte eine Tochter, Rosalia (Rosa), verh. Heiser, wohl im Andenken an die verstorbene Tante so genannt. Für Helena, Flora, Bertha und Rosa Heiser wurden Stolpersteine gesetzt. Max Stein starb 1932 in Heidesheim. Seine Tochter Rosa, verheiratete Gruner, übernahm mit ihrem Mann das Geschäft. Sie führte es bis zu den Novemberpogromen 1938 (siehe Stolperstein).
Stolpersteine für Max u. Johanna Holländer
Grabengasse 46

Foto: DIF
Für Max und Johanna Holländer wurden im März 2012 zwei Stolpersteine ins Straßenpflaster vor der Schlossmühle in Heidesheim, Grabengasse 46, gesetzt.

Johanna und Max Holländer, 1941 in Manila Quelle: Museum Spiegelgasse, Wiesbaden
1939 sang man in einer Karnevalveranstaltung in Heidesheim nach der Melodie “Ein Jäger aus Kurpfalz” und der Überschrift “Juden raus”: „jetzt jagen wir den Jud zum Dorf hinaus.“
Es handelte sich vor allem um ein Ehepaar aus der Schlossmühle, das seit fast 20 Jahren dort lebte.
Max Holländer war Apotheker und Besitzer der Schützenhof-Apotheke in Wiesbaden – auch „Schützenhof Apotheke“ – die noch heute in der Langgasse 11 in der Innenstadt existiert. Diese traditionsreiche Apotheke besteht seit 1672, unter dem damaligen Grafen Johannes von Nassau-Saarbrücken privilegiert gegründet. Der Hofapotheker Max Holländer wird noch heute hier in einer langen Reihe der Besitzer seit 1672 geführt und geachtet.

Schützenhofapotheke Wiesbaden, Langgasse Max Holländers Sohn Dr. Stefan Holländer verfasste nach 1932 eine Werbebroschüre, aus der viele der nachfolgenden Daten und auch das Foto von der Außenfassade der Apotheke übernommen wurden (Quelle: HHStAW 1135/63). Der spätere Besitzer Hans-Joachim Strumpf hat sich ihrer für seine Broschüre wohl bedient, ohne die Quelle anzugeben.
Max Holländer wurde am 23. März 1876 in Bauerbach, Kreis Meiningen Thüringen geboren (Siehe Personen-Datenblatt Max Holländer, HHStAW I1603): Er führte die Kronenapotheke in Meiningen (siehe Personen Datenblatt Stefan Holländer Stadtarchiv Wiesbaden I3094). Am 1. Juli 1907 kaufte er die Hofapotheke in Wiesbaden und nannte sie in Schützenhofapotheke um, in Anlehnung an die damals in der Nähe gelegene Gaststätte „Zum Schützenhof“.
Max Holländers erste Ehefrau war Sofie Holländer. Sie wurde am 7. Juli 1885 als Tochter von Heinrich Weisenbeck und seiner Frau Eugenie in München geboren. Sie war Konzertpianistin.
In Wiesbaden wurden ihre beiden Kinder Stefan (1907) und Else (1909) geboren. Bei der Geburt ihres Sohnes wohnte die Familie in der Emser Str. 39 (Siehe Personen Datenblatt Stefan Holländer Stadtarchiv Wiesbaden I3094), 1909 in der Langgasse 15, ganz in der Nähe der Apotheke.
Die Ehe wurde 1929 geschieden. Sofie Holländer lebte mit ihren Kindern bis zu deren Ausreise 1936 in der Eltviller Straße 21. Dann kehrte sie in ihre Heimatstadt München zurück. Am 6. Februar 1941 flüchtete sie in den Tod, wie viele Juden, denen eine Deportation in den Osten bevorstand. Vor dem Haus in der Eltviller Straße 21 in Wiesbaden erinnert ein Stolperstein an sie (Siehe URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Wiesbaden-Rheingauviertel).
Laut Chronik seines Sohnes nahm Max Holländer von Beginn an als Oberapotheker am 1. Weltkrieg teil. Er geriet bereits Ende August 1914 in französische Kriegsgefangenschaft und wurde über die Schweiz ausgeliefert. Danach war er wieder bis zum Ende des Feldzuges an der Front. Juden wurde oft vorgeworfen, sie hätten sich vor dem Einsatz als Soldaten gedrückt. Hier ist wieder ein Beispiel, welches das Gegenteil beweist. Bisher versprachen nur die linken Liberalen, die SPD und Zentrumsmitglieder der jüdischen Minderheit eine echte Gleichberechtigung. Viele Juden hatten aber ein Problem mit diesen Parteien. Diese Parteien wurden von der Monarchie und den Konservativen als subversive Kräfte angesehen. Die Regierungen erhofften sich durch die Beteiligung der Juden am Krieg die Stärkung der nationalen Einheit. Es war also eine win-win-Situation. So lässt sich erklären, dass sich viele Juden freiwillig zum Kriegsdienst meldeten. Die Konservativen Kräfte waren gegen Zugeständnisse an die Juden. Juden wurden als Kosmopoliten bezeichnet, für sie war es das Gegenteil von patriotisch. Sie hatten Angst, sie müssten im Reichstag Zugeständnisse machen. Durch die Verlängerung des Krieges gewann die Rechte. Die Juden wurden nach historischen Vorbildern zum Sündenbock erklärt. Die wirkungsvollste Maßnahme war die „Judenzählung“ vom Oktober 1916. Das preußische Kriegsministerium ordnete sie an. Es sollte geprüft werden, ob sich die Juden der Wehrpflicht entzögen. Die Ergebnisse der Judenzählung machten böses Blut und wurden nie veröffentlicht. Sie gingen in den Wirren des 2. Weltkriegs unter (siehe: Pulzer, Peter: Der Erste Weltkrieg. In: Lowenstein, Steven M.; Mendes-Flohr, Paul; Pulzer, Peter, Richarz, Monika: Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, 4 Bde., Bd.3, Umstrittene Integration 1871-1918, S. 362ff.). Die Judenzählung hatte einen verheerenden Effekt auf die jüdische Bevölkerung Deutschlands und beeinträchtigte ihre Hoffnungen auf Gleichberechtigung erheblich. Laut Entschädigungsakte war Max Holländer von 1900 bis 1908 Beamter beim Deutschen Reich. Sein letzter Titel lautete: „Oberapotheker der Reserve“.
Im Mai 1920 erwarb Max Holländer die Schlossmühle in Heidesheim „für die Summe von 180.000 Papiermark bzw. 15.822 Goldmark (Siehe auch die gut dokumentierte Arbeit von Hermann Fröhlich: Die Schlossmühle in Heidesheim am Rhein. [URL: https://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/aufsaetze/froehlich-schlossmuehle-heidesheim.html]. Max Holländer gestaltete die abgewirtschaftete Schlossmühle zu einem wahren Juwel. Doch nicht genug damit, dass Max und Johanna Holländer das Heidesheimer Handwerk in wirtschaftlich schwieriger Zeit mit Aufträgen versorgten; auch sonst erwiesen sie sich großzügig: So ließ Max Holländer – wenngleich nicht ganz selbstlos – auf eigene Kosten die Grabenstraße pflastern, auf der ihn sein Chauffeur jeden Morgen nach Wiesbaden und am Abend zurückfuhr. Und in der Weihnachtszeit ging Johanna Holländer mit einem Korb am Arm die Grabenstraße hinunter, um die Kinder zu bescheren.
Am 14. Dezember 1930 heiratete er Johanna Haase, geboren am 4. Mai 1881 in Steele/Ruhr, Kreis Essen. Laut Zeitzeugen war es ein auffallendes Paar, auch äußerlich. Herr Holländer ließ sich mit einem Auto nach Wiesbaden chauffieren und Frau Holländer trug gerne sehr große Hüte. Die Heidesheimer verbanden wohl mit diesem „zugereisten“ Paar so etwas wie „Duft der großen eleganten Welt“ dar.
Die Verfolgung der Familie Holländer begann fast mit dem Antritt der nationalsozialistischen Diktatur 1933. Johanna Holländer berichtete nach Kriegsende, dass aus Bingen kommende Polizeikräfte bereits im Mai 1933 Geld erpressten, das sie auch erhalten hätten. Dann denunzierte sie ihr Chauffeur. Am 12. Juni 1933 ließ der kommissarische Bürgermeister Hans Maison Max Holländer verhaften und in das Konzentrationslager Osthofen bei Worms verbringen. In der KZ-Gedenkstätte Osthofen liegt nur der Einlieferungstermin vor, der 11. Juli 1933 [Auskunft vom 28. Juni 2022]. Laut Entschädigungsakte war er dort von Ende Juni bis zum 3. September 1933 interniert. Johanna Holländer wurde bei dem Versuch verhaftet, ihren Mann zu besuchen. Da im KZ nur Männer interniert waren, wurde sie im Osthofener Gefängnis festgesetzt. Nach zehnwöchiger Haft wurde ihnen gestattet, ein Sanatorium in Bad Nauheim aufzusuchen. Ein Prozess gegen das Ehepaar 1933 vor dem Mainzer Landgericht endete mit Freispruch. Im Rahmen der Restitutionsansprüche hat Johanna Holländer den Aufenthalt im Osthofener Gefängnis geschildert (HHStAW Bestand 518 Nr. 17006 Entschädigungsakte).
Laut Entschädigungsakte verkaufte Max Holländer am 1. Oktober 1936 die Schützenhofapotheke unter Druck. Laut Zeugenaussagen musste die Apotheke „auf Anordnung der nazistischen Regierung aufgegeben werden, weil ein jüdischer Apotheker … als unzuverlässig und gefährlich angesehen wurde.“
Hermann Etzrodt übernahm die Apotheke. Im Hessischen Hauptarchiv Wiesbaden befinden sich viele Dokumente des Finanzamtes Kassel und der Devisenstelle über die Abwicklung der finanziellen Angelegenheiten. Max Holländer konnte nicht mehr über sein Vermögen verfügen. Sein Geld lag auf einem Sperrkonto. Wenn er Ausgaben hatte, so z.B. für die geplante Ausreise nach den Philippinen, so musste er für jede Transaktion eine Genehmigung an die Devisenstelle in der Goethestraße in Frankfurt am Main anfragen. Die Diskriminierung verteilte sich auf viele kleine Verwaltungsakte.
Am 10. November 1938, einen Tag nach der Pogromnacht – saßen Max und Johanna Holländer praktisch auf gepackten Koffern. Sie hatten vor, die Schlossmühle zu verkaufen und Heidesheim zu verlassen. Gestapo und Amtsdiener der Gemeinde verschafften sich gewaltsam Zutritt zur Schlossmühle, verhafteten Max Holländer und brachten ihn aufs Rathaus. Dort zwangen Bürgermeister Koch, Gemeinderat und Notar ihn unter Drohungen, seinen gesamten Besitz in Heidesheim der Gemeinde zu „schenken“. Schließlich beugte sich Max Holländer der Gewalt und erklärte: „Ja, ich schenke das Anwesen der bürgerlichen Gemeinde Heidesheim, aber ich tue das, weil die gesamten Verhältnisse in Deutschland nun einmal so liegen.” Ein „Freudscher Versprecher“ entlarvte später protokollarisch die erpresserische Handlung der Gemeindeoberen. Unter der Ziffer 6 heißt es nämlich, “die Erwerber erklären ausdrücklich, dass diese Schenkung vollkommen aus freien Stücken von ihnen vorgenommen worden ist und dass sie in keiner Weise von irgendeiner Seite hierzu gezwungen wurden.” Das macht keinen Sinn: Erwerber war die Gemeinde, also Schenkungsnehmerin, die die Schlossmühle erhielt und nicht Max Holländer als derjenige, der die Schenkung vorgenommen hat!

Parteigenosse und Bürgermeister Jakob Koch fand nur wenige Stunden nach der erpressten Schenkung grausige Worte. Das damalige Nachrichtenblatt berichtete am 11. November 1938: “Pg. Koch sprach zu der erschienenen Menge (sämtliche Gliederungen der NSDAP, Ortsgruppe Heidesheim und Wackernheim unter Musikklängen zu der Schlossmühle) und erklärte, dass dieses alte Gebäude nunmehr durch rechtskräftigen Schenkungsakt Eigentum der Gemeinde Heidesheim sei. Um 2 Uhr nachts wurde bereits die notarielle Urkunde ausgefertigt. Es sei eine gütige Fügung des Schicksals, dass dieses Bauwerk auf diese Art und Weise, ohne vernichtet zu werden, gerettet wurde, denn was gestern im ganzen deutschen Vaterlande vorgegangen sei, sei nur der Wutausbruch eines Volkes gewesen, das jahrzehntelang von diesen jüdischen Gaunern und Schiebern auf das skrupellosteste ausgebeutet und drangsaliert wurde.“ Jedoch war das Kreisamt Bingen mit der Schenkung nicht einverstanden, danach war mit den “nationalsozialistischen Grundsätzen“ eine Schenkung von Juden nicht vereinbar. So wurde im Rahmen der gesetzlich sanktionierten „Arisierung“ ein Kaufvertrag aufgesetzt und der Familie 1940 nach Abzug aller Kosten und der Judenvermögensabgabe dem Ehepaar Holländer 3930,65 RM auf ein Sperrkonto eingezahlt, auf das sie allerdings kein Zugriff hatten (Siehe Fröhlich S. 30).
Während die Nazis die Aneignung der Schlossmühle und die Vertreibung des Ehepaares Holländer lauthals feierten, war Max Holländer zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Bahnhof in Wiesbaden verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht worden. Laut Meldekarte Heidesheim wurde er zum 10. November 1938 nach Wiesbaden abgemeldet. Im Archiv in Arolsen liegt eine Transportliste mit Juden, die am 12. November 1938 von Frankfurt aus nach Buchenwald deportiert wurden (siehe Personenblatt, Stadtarchiv Wiesbaden, Entschädigungsakte Hessisches Hauptarchiv Wiesbaden). Max Holländer wurde vom 12. bis zum 27. November 1938 im Konzentrationslager Buchenwald interniert.
Eine Entlassung erfolgte in der Regel nur, wenn der Inhaftierte eine Auswanderung glaubhaft nachweisen konnte. In Wiesbaden wohnte das Ehepaar in der Eltviller Str. 21 (siehe Personen-Datenblatt Max Holländer Gestapo Datei 1939, Stadtarchiv Wiesbaden I1603). Dies scheint die Stadtwohnung der Familie gewesen zu sein. Hier lebte der Sohn Stefan bis zu seiner Flucht 1936 und hier war auch die Tochter Else gemeldet. Beide Kinder scheinen nicht verheiratet gewesen sein. Nach der Entlassung war Max Holländer laut der Gestapo-Datei 1939 in Wiesbaden gemeldet (siehe Personen-Datenblatt Max Holländer Stadtarchiv Wiesbaden I1603). Nach dem 2. Weltkrieg strengte Johanna Holländer einen Entschädigungsprozess an, aus dem ein Bericht erhalten ist. Aus ihm gehen Einzelheiten des Schicksals der Familie hervor (siehe HHStAW Bestand 518 Nr. 17006, siehe auch Fröhlich, 27ff, der sie Ereignisse zusammenfasst).
Die Familie konnte im letzten Moment den Nazis entkommen. Stefan Holländer ist bis zum 17. November 1936 in der Eltviller Str, 21 in Wiesbaden gemeldet. Er muss zunächst nach Großbritannien entkommen sein. Dann taucht sein Name wieder auf der Passagierliste der SS Georgic aus Sounthampton nach New York auf. Dort traf das Schiff am 7. Januar 1937 ein (siehe Passagierliste unter URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10512/ellis-island-und-andere-new-york-passagierlisten-1820-1957?itemId=19616029-&action=showRecord&recordTitle=Stefan+Hollender [12. Juni 2022]). Ein in den USA lebender Cousin, Sam Hollander, hatte ihm laut Passagierliste das Visum vermittelt und für ihn gebürgt.
Else Holländer konnte am 10. August 1938 direkt von Hamburg aus auf der SS Washington in die USA entkommen. Am 18. August 1938 erreichte sie New York (siehe Passagierliste, URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10512/ellis-island-und-andere-new-york-passagierlisten-1820-1957?itemId=21718070-&action=showRecord&recordTitle=Else+Hollaender). Ein Visum erhielt nur, wer jung genug war und für den 4000.- Dollar Bürgschaft hinterlegt werden konnten. Das sind nach heutigem Wert ca. 16.000 Euro. Elsa Holländer hatte das Visum vom amerikanischen Konsulat in Stuttgart erhalten, mit der Nummer QIV 18389. Wahrscheinlich hatte auch für sie der Onkel Sam Holländer gebürgt. Nicht jeder Flüchtende hatte Verwandte in den USA und nicht alle konnten diese Summen aufbringen. Geld aus Deutschland durfte man nicht mitnehmen.
Auch die Eltern werden sich um ein Visum bemüht haben und standen auf der Warteliste. Für ältere Menschen war es schwieriger, aus Deutschland heraus zu kommen. Max und Johanna Holländer entkamen in die Philippinen. Sie verließen Deutschland am 28. Mai 1939 (siehe Personen-Datenblatt Max Holländer, Stadtarchiv Wiesbaden I1603).
Nach einem Aufenthalt von knapp zwei Jahren erreichten sie die USA von Westen her, auf der SS President Taylor. Aus Manila kommend trafen sie am 18. Juli 1941 in San Francisco ein. In Manila hatten sie am 26. März 1941 ein Visum mit der Nummer QIV-NP22468 und QIV-NP 22469 erhalten. Als Beruf ist bei Max Holländer „retired“ (im Ruhestand) eingetragen und darüber handschriftlich „Pharmacist, Chemist“ (siehe URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10881/passagierlisten-von-kalifornien-1893-1957?itemId=1584033-&action=showRecord&recordTitle=Johanna+Hollander). Die Familie wird die Wiedervereinigung gefeiert haben.
Max Holländer lebte nicht lange in der Freiheit. Er starb bereits am 10. Dezember 1941 in Manhattan, New York im Alter von 65 Jahren (siehe URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10734/new-york-city-sterberegister-1862-1948?s=574206361&itemId=4737017-&action=showRecord&recordTitle=Max+Hollander). Im „Aufbau“, einer New Yorker deutschsprachigen Emigrantenzeitschrift, wurde sein Tod 10. Dezember 1941mit folgendem Nachrufangezeigt:
„Nach unerschrockenen, harten Kämpfen um seine Freiheit und nachdem er zwei friedvolle Jahre in Manila verbracht hatte, verschied heute, wenige Monate nach seiner Ankunft hier, sanft nach langem Leiden ohne jede Klage mein geliebter Mann, unser treusorgender guter Vater, Großvater, Bruder, Schwager und Onkel, der Apotheker Max Holländer, ehemaliger Besitzer der Schützen Apotheke in Wiesbaden. Es unterschrieben: Johanna Holländer, die 310 Riverside Drive wohnte, wohl der letzte Wohnsitz des Ehepaares. Dr. Stefan Holländer wohnte in der Seventh Avenue Nr. 56 und seine Schwester, die sich nun Elsie nannte, in der 98. Straße West. Simon Holländer, wahrscheinlich der Bruder von Max und Hugo Holländer und Familie. Max Holländers Leiche wurde eingeäschert und nach Manila überführt. Auf den Philippinen scheint er eine gute Zeit verbracht zu haben (siehe URL: https://freepages.rootsweb.com/~alcalz/genealogy/aufbau/1941/obitj7a51s16.gif). >>>

Todesanzeige im „Aufbau“, einer New Yorker Emigrantenzeitschrift vom 10. Dezember 1941
Der Weg von Johanna Holländer führte zurück nach Wiesbaden. Sie klagte auf Entschädigung für das ergangene Unrecht. Sie stellte Rückerstattungsanträge auf das Wohnhaus und die Schützenhofapotheke, Langgasse 11 in Wiesbaden, auf das Wohn- und Geschäftsgrundstück Wiesbaden, Langgasse 2/4, Geschäftsanteile bei der Firma Bernhardt, der Häuser in der Eltviller Str. 21, die Rückerstattung der Judenvermögensabgabe und Reichsfluchtsteuer und die Schlossmühle Heidesheim. Über einen gerichtlichen Klageweg schaffte sie es, in einem Vergleich eine Entschädigung von der Gemeinde Heidesheim zu bekommen (100.000 DM für ein inzwischen völlig marodes Gebäude). Ihre Forderung wurde nie ganz erfüllt: „Ich beanspruche die Rückgabe der Schlossmühle, die Rückgabe des ganzen Besitzes in dem Zustande, in dem wir alles verlassen mussten, ferner den Schaden und den Ausfall durch die Benutzung des Anwesens respektive den Mietausfall nebst aller anderen Schäden“ (Aussage von Johanna Holländer, siehe Karl Urhegyi, URL: https://www.regionalgeschichte.net/rheinhessen/heidesheim/kulturdenkmaeler/schlossmuehle-in-heidesheim.html 10.06.2022). Sie erhielt eine Entschädigungsrente für „Schaden am Leben“. Das Gerichtsurteil zur Schlossmühle erlebte sie selbst nicht mehr. Wenige Monate davor verstarb sie – aus den USA zurückgekehrt – in Wiesbaden am 12. Februar 1965.
Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen in Frankfurt/Main und die Organisation Irgun Olej Merkaz Europa in Tel Aviv/Israel wurden am 29. Januar 1969 je zur Hälfte Erben von Johanna Holländer.
Jochen Schmidt sagte in seiner Rede zur Verlegung der Stolpersteine im März 2012: „Heute können wir den beiden rechtmäßigen Besitzern der Schlossmühle und vertriebenen, geschundenen Max Holländer und Johanna Holländer das Anwesen nicht zurückgeben. Was uns bleibt ist, ihnen wenigstens die Würde zurückzugeben, indem wir ihre Namen fest in dem Boden vor ihrer Wohnstatt einlassen. Wir verneigen uns vor ihnen.“
Am 11. Juni 2022 erschien im Wiesbader Kurier ein Artikel zum 350. Bestehen der Schützenhofapotheke. Das Schicksal von Max Holländer wird nicht erwähnt. Dass die abgedruckten Fotos aus der bereits erwähnten Broschüre von Dr. Stefan Holländer stammten, war den heutigen Besitzerinnen und der Zeitung wohl auch nicht bekannt.
Der Artikel entstand mit der freundlichen Mithilfe von Karl Urhegyi.
Stolperstein Rosa Gruner geb. Ehrenstamm
Binger Str. 1

Stolperstein für Rosa Gruner, Binger Str. 1 in Heidesheim. Foto: DIF
Rosa Gruner wurde am 23. April 1891 in Heidesheim als Tochter von Alexander Ehrenstamm und Fanny Stein, einer Schwester von Maximilian Stein, geboren.

Haus und Laden von Alexander Ehrenstamm in der Binger Str. 1, ca. 1900.
Quelle: Archiv Im Lamm, Heidesheim
Sie heiratete am 5. September 1926 in Heidesheim den Witwer Benno Gruner aus Ingelheim. Laut Einwohnermeldeamt Ingelheim kam Benno Gruner zusammen mit seiner ersten Frau Minna, geb. Rosam am 10. September 1914 aus Lissa, heute Leszno, Polen (Stadtarchiv Ingelheim am Rhein, Rep. IV/363.11). Er und weitere Angehörige kamen nach und waren somit eine der wenigen ostjüdischen Familien vor Ort. Benno Gruner betrieb wahrscheinlich seit seinem Zuzug am 10. September 1914 eine Manufaktur für Weiß- und Wollwaren in der Binger Straße 2 in Ingelheim. Das Geschäft wurde laut einem erhaltenen Briefkopf 1902 gegründet, möglicherweise in Gau-Algesheim (Stadtarchiv Ingelheim am Rhein, Rep. HH/469/267). Gründer war Leopold Rosam, ein Bruder von Benno Gruners erster Frau Minna. Am 25. September 1914 wurde es laut Eintrag in Gewerberegister in Nieder-Ingelheim angemeldet (Stadtarchiv Ingelheim am Rhein, Rep. III/2902d). Leopold Rosam starb 1916 im 1. Weltkrieg als Kriegsgefangener in einem Lazarett in Coutances/Manche in Frankreich. Er wurde auf dem Soldatenfriedhof in Wervicq Sud bestattet.

Eine Postkarte von ca. 1915. Das Schild zwischen Adler-Apotheke und Rosam gehört zu Rosams Laden und bewirbt dessen Warensortiment. Manufaktur, Kurzwaren, Wollwaren, Hüte, Mützen, Kleider und Confektion. Auf einem späteren kolorierten Druck ist der Name Rosam wegretuschiert, weil das Geschäft inzwischen aufgelöst worden war.
Minna Gruner starb laut Todesanzeige nach kurzer und schwerer Krankheit am 17. Mai 1926 in Nieder-Ingelheim im Alter von 45 Jahren. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße bestattet. Benno Gruner heiratete in zweiter Ehe am 5. September 1926 Rosa Ehrenstamm aus Heidesheim. Es ist davon auszugehen, dass das Paar in der Binger Straße 2 in Nieder-Ingelheim lebte. Aus einer Anzeige in der Ingelheimer Zeitung geht hervor, dass der Laden am 24. Oktober 1928 in die Mainzer Straße/Ecke Grundstraße umzog.

Anzeige aus der Ingelheimer Zeitung vom 25. Oktober 1928, von Peter Weiland gefunden
Rosas Vater Alexander Ehrenstamm starb am 13. März 1932. Laut Einwohnermeldeamt Ingelheim zogen Benno und Rosa Gruner am 27. Mai 1932 nach Heidesheim. Das Geschäft in Nieder-Ingelheim wurde laut Eintrag im Gewerberegister am 25. Mai 1932 aufgelöst. Dies steht wohl in Zusammenhang mit dem Tod von Rosas Vater Alexander, der das Geschäft in Heidesheim führte. Rosa Gruner übernahm es nun zusammen mit ihrem Mann Benno. Ein Jahr später suchte die Familie ein neues Unglück heim. Benno Gruner starb am 10. April 1933 im Alter von 53 Jahren. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Heidesheim bestattet. Bemerkenswert ist, dass er kurz nach dem Beginn des Boykotts jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 starb. Benno Gruner hat sicher die Gefahren und wahrscheinlich auch Diskriminierungen der Juden noch erfahren, die gleich seit der Machtübergabe an die Nationalsozialistische Diktatur im Januar 1933 begannen. Rosa Gruner führte das Geschäft weiter und wandelte es in ein Kurz- und Wollwarengeschäft um. Das war sehr mutig, da der Umsatz in den jüdischen Geschäften durch den Boykott seit April 1933 rapide zurückging. Aus den Gemeindeprotokollen von Heidesheim geht hervor, dass sie 1935 um Nachlass bei der Gewerbesteuer bat. Dieser wurde ihr nicht gestattet, weist aber darauf hin, dass das Geschäft schlecht lief.
Das Novemberpogrom ändert alles
Während der Novemberpogrome am 10. November 1938 zogen die braunen Fackelträger samt aufgeputschten Heidesheimer Bürgern zu dem jüdischen Laden in der Binger Straße 1 und plünderten das Geschäft. Wilhelm Stein, der Neffe von Rosa Gruner (s.u.), der nach 1945 als einziger aus der Familie nach Heidesheim zurückkehrte und der das Haus erbte, schrieb 14. September 1955 in den Antrag auf Wiedergutmachung. Die Wiedergutmachungsakte, die im Landesarchiv in Ludwigsburg liegt, enthält aufschlussreiche Informationen: „Wohn- und Geschäftshaus wurde im Zusammenhang mit der Judenaktion im November 1938 unter Duldung der Polizeibehörden von aufgehetzten Personen gestürmt, die Wohnungseinrichtung, die Ladeneinrichtung demoliert und auf die Straße geworfen. Der Warenbestand wurde zum Teil geplündert und zum Teil auch vernichtet. Das Ladengeschäft wurde gewaltsam geschlossen. Meine Tante musste anschließend Heidesheim verlassen und verzog nach Stuttgart.“
Aus der Aufzählung der verlorengegangenen Gegenstände geht u.a. hervor, wie ein Haus damals eingerichtet war:
Aufstellung über Hausrat und Möbel:
1.) Ladeneinrichtung:
1 grosse Verkaufstheke, drei Warenregale, 1 grosser Spiegel,
zwei Beleuchtungskörper, 1 Kasse und diverse kleinere Gegenstände. Wert geschätzt etwa 1000,- RM
2.)Wohnzimmer:
1 Tisch, vier Stühle, 1 Schrank, 1 Couch, 2 Sessel, 1 Radioapparat,
1 Lampe, 1 Nähmaschine, 1 Ofen, 1 Spiegel, 1 Wanduhr, div. Bilder .
Wert geschätzt etwa 1800,- RM
3.) Küche:
2 Küchenschränke, 1 Kohlenherd, 1 Gasherd, notwendiges Küchengeschirr
Porzellan, Beleuchtungskörper, Läufer Linoleum pp.
Wert geschätzt etwa 2000,- RM
4.) Schlafzimmer:
2 kompl. Betten, Bettvorleger, Vorhänge, 1 Kleiderschrank, 2 Nachtschränkchen, 1 Waschtisch mit Marmorplatte und Spiegel, 1 Lampe und
2 Nachttischlampen
Wert geschätzt etwa 3200,- RM
5.) Esszimmer:
1 Teppich 3,5 x 4,- m, 1 Büffet, 1 Kredenz, 1 Ausziehtisch, 6 Polster-
stühle, 2 Brücken, 1 grosser Spiegel, 1 Spinnrad, 1 Ofen, Gardinen,
Uebergardinen und Store,
Wert geschätzt ca. 4000,- RM
—–
Carl Joseph Dillmann, der nach dem Krieg Bürgermeister in Heidesheim wurde, schrieb am 23. Oktober 1962 an das Landesamt für die Wiedergutmachung Stuttgart:
Betr. Entschädigungssache Rosa Gruner (…)
Bezug: dortiges Schreiben vom 16. Oktober 1962
In Beantwortung der o.a. Anfrage teile ich mit, daß mir als nächstem Nachbar der Frau Rosa Gruner die Vorkommnisse der Kristallnacht 1938 aus eigener Wissenschaft genau bekannt sind. Die von Herrn Wilhelm Stein eingereichte Aufstellung der in Verlust geratenen Wohnungs- und Ladeneinrichtung, sowie die angegebenen Werte entsprechen den Tatsachen. Die Schlaf- und Eßzimmereinrichtung, sowie die Küche, hat Frau Gruner bei ihrer Verheiratung im Jahre 1926 neu angeschafft, die übrigen Möbel hat sie von ihren Eltern übernommen. Die Ladeneinrichtung war ebenfalls neu angeschafft. Über das Vorhandensein einer Briefmarken- und Münzsammlung kann ich keine Angaben machen, da mir dies nicht bekannt ist. Dies dürfte auch nur den nächsten Angehörigen bekannt gewesen sein, von denen außer Herrn Stein niemand mehr am Leben ist.
Die gesamte Wohnungs- und Ladeneinrichtung, sowie sämtliche Fenster und Türen wurden bei der Judenaktion 1938 an dem fraglichen Tag von fremden SA-Leuten, die mit Fahrzeugen hierhergekommen waren, zusammengeschlagen und zerstört, sowie Bettzeug angesteckt und auf der Straße verbrannt. Aus dem Warenlager wurden Waren in dem von Herrn Stein angegebenen Wert zum Teil vernichtet oder unbrauchbar gemacht, zum Teil geplündert. Der noch vorhandene, brauchbare geringe Rest wurde von Frau Gruner in ihrer Notlage zu einem ganz niedrigen Betrag, der mir in der Höhe nicht bekannt ist, an die Fa. J. Struth in Ingelheim verkauft, um bei ihrem Weggang von Heidesheim wenigstens etwas Geld zu besitzen. Frau Rosa Gruner lebte von ihrem Textilwarengeschäft, das durch seine besonders günstige Lage in Ortsmitte (am Rathaus) gut frequentiert war, in geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen. Das Geschäft bestand schon unter den Eltern der Frau Gruner und den Vorfahren als Kolonialwarenhandlung und wurde von Frau Gruner in ein Textilwarengeschäft umgewandelt.
Eine ähnliche Maßnahme wurde am selben Tag gegen den jüdischen Besitzer der Schloßmühle (…) Max Holländer durchgeführt (…)
Ich hoffe, mit diesen erschöpfenden Angaben gedient zu haben.
Dillmann, Bürgermeisteramt
Karl Ziener bestätigt die Aussagen:
„Vorstehende Angaben werden von mir in vollem Umfang bestätigt. Ich war damals als Gemeindeobersekretär bei der Gemeindeverwaltung Heidesheim beschäftigt und habe die Vorgänge von der dem Hause der Frau Gruner gegenüberliegenden Bürgermeisterei aus genau beobachtet. Nach der Aktion habe ich mit Frau Gruner in ihrem Hause gesprochen, woselbst ich mich von dem Zustand des Hauses und der zerstörten Einrichtung persönlich überzeugen konnte. Über das Vorhandensein einer Briefmarken- und Münzensammlung kann ich ebenfalls keine Angaben machen.“
Zeitzeugen berichteten, dass die entsetzte und völlig verängstigte Rosa Gruner Hilfe in dem gegenüberliegenden Rathaus gesucht hätte. Aber dort öffnete man ihr nicht die Tür und so muss sie völlig verstört, wenige Stunden nach dem Pogrom die Koffer gepackt haben und die Flucht nach Stuttgart angetreten haben.
Laut Bescheinigung der Gemeindeverwaltung Heidesheim vom 25. Januar 1956wurde sie am 15. November 1938 in Heidesheim polizeilich abgemeldet nach Stuttgart, Hölderlinplatz 4. Dort lebte ihre Cousine Bertha Sauerbach, geb. Stein mit ihrem Sohn Alfred. Es handelt sich um eine Tochter des Heidesheimer Weinhändlers Max Stein, 1839-1902 und seiner Frau Rosalia, geb. Ehenstamm, 1848-1885. (siehe Stolpersteine in der Römerstaße 19). Wahrscheinlich flüchtete Rosa Gruner zunächst dort hin, bis sie eine Bleibe in der Gutbrodstraße 89 (Parterre) gefunden hatte (Adressbücher der Stadt Stuttgart von 1940 und 1941). Die Hauptkartei des Einwohnermeldeamtes wurde im Jahre 1944 durch die Kriegsereignisse zerstört
Ein Beispiel für die Schwierigkeiten bei der Quellensuche:
Finanzamt Bingen 23.09.1955
Herrn Franz Michell, Helfer in Steuersachen, Ingelheim /Rhein
Betr.: Ww. Benno Gruber. Rosa, geb. Ehrenstamm, Heidesheim
Bezug: Ihre Schreiben vom 20.09.1955
Die Unterlagen über die Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe sind vernichtet und können nicht mehr rekonstruiert werden. Auch fehlen Unterlagen über Umsätze in den gewünschten Zeiträumen. Ich bedauere, Ihnen keine andere Auskunft geben zu können.
Da ihre Besitzverhältnisse nicht vollständig nachgewiesen werden konnte, hatte das Einfluss auf die gezahlte Entschädigung.
Deportation und Ermordung
Yad Vashem in Jerusalem hat die Zugfahrt in den Tod dokumentiert:
„Ab dem 27. November 1941 sollten alle zur Deportation vorgesehenen Juden am Stuttgarter Killesberg in einem der Gebäude am Gelände der ehemaligen Reichsgartenschau, welches nun als Sammellager diente, versammelt werden. Sie mussten in der ehemaligen „Ehrenhalle des Reichsnährstandes“ warten. Die 1.000 Personen mussten dort unter entsetzlichen hygienischen Umständen bis zu drei Tage und Nächte verbringen und schliefen in acht Reihen mit je 125 provisorischen Betten.
Im Sammellager Killesberg ließ die Stuttgarter Stadtverwaltung einen Propagandafilm anfertigen. Die erste Deportation wurde noch als „Umsiedlung“ bezeichnet, und die Deportierten durften Bau- und Küchengeräte sowie Verpflegung mitnehmen. Die Enge im Sammellager ist zu sehen, aber es sollte der Eindruck einer geordneten Auswanderung erweckt werden. Das im Film gezeigte Gepäck wurde den Juden in Riga aber nicht ausgefolgt.
Für den Transport der Juden nach Riga bestellte die Gestapo bei der Reichsbahn einen Zug, welcher unter der Nummer Da 33 bereitgestellt wurde. Am frühen Morgen, gegen 3 Uhr, des 1. Dezembers 1941 wurden die Juden zum Nordbahnhof gebracht, der Fußmarsch über den Eckartshaldenweg betrug ca. 2,5 Kilometer. Die Abfahrt erfolgte zwischen 8 und 9 Uhr morgens. Die Fahrt in überfüllten Passagierwaggons dritter Klasse nach Riga dauerte drei Tage, Ankunft am Bahnhof Skirotava war am 4. Dezember. Während des Transportes wurden die Juden von Gestapobeamten bewacht.
Die Württemberger Juden kamen zuerst nicht in das Rigaer Ghetto, da die SS mit den Erschießungen der baltischen Juden noch zugange war, sondern in das Gut Jungfernhof, 1500m vom Ankunftsbahnhof entfernt. …
Am 26. März 1942 wurden im Wald Bikernieki bei Riga 1.600 „arbeitsunfähige“ Erwachsene und Kinder, darunter alle Mütter mit ihren Kindern, erschossen. Unter ihnen befanden sich auch mehrere Hundert Juden aus diesem Transport.“ Wahrscheinlich auch Rosa Gruner, Helena Stein und Berta Sauerbach.
Von dieser ersten Deportation aus Stuttgart überlebten 43 Personen, davon sind fünf Personen kurz nach Kriegsende verstorben.
Auf ihrer Heiratsurkunde vom Standesamt Ingelheim ist vermerkt, dass sie laut Beschluss des Amtsgerichts Stuttgart vom 25. November 1947 zum 27. November 1941 für tot erklärt wurde. Das Datum ist der Beginn der Sammlung der Juden auf dem Killesberg in Stuttgart. Wahrscheinlich wurde der Termin deshalb vom Amtsgericht gewählt. (Weitere Details zur Deportation siehe unter: Yad Vashem, Zugfahrten in den Tod.
Rosa Gruner wurde 50 Jahre alt. Auf der Flucht vor den menschverachtenden Ideologien eines wahnwitzigen Nationalsozialismus musste sie schließlich doch ihr Leben lassen und wurde unter menschunwürdigsten Bedingungen in dem Ghetto von Riga ermordet.
Fast alle Angehörigen der Familien Ehrenstamm/Stein hatten bereits vor 1933 Heidesheim verlassen, die meisten nach Frankfurt am Main, aber auch nach Berlin. Nur Alexander Ehrenstamm blieb und organisierte das Heidesheimer jüdische Leben. Wilhelm Stein kehrte nach 1945 zurück. Zum 1. Mai 1946 meldete er einen Textilhandel in der Binger Str. 1 an, also dem Geschäft von Alexander Ehrenstamm und später seiner Tochter Rosa Gruner.
Für Tot erklärt
Um das Erbe antreten zu können, brauchte Wilhelm Stein eine Bescheinigung, dass seine Tante gestorben war. In Fällen wie dem von Rosa Gruner und ihren Cousinen war das nicht so einfach, da ihre Ermordung nicht dokumentiert war bzw. die Dokumente nicht erhalten sind. Deshalb gibt es die Prozedur des Für-Tot-Erklären. In diesem Fall hat Wilhelm Stein dies angestrengt. Das Amtsdeutsch ist so verquer, dass es hier wiedergegeben wörtlich wiedergegeben wird:
Amtsgericht Stuttgart.
Beschluss vom 11. August 1947.
GR 2966 / 47
I. In der Aufgebotssache zum Zwecke der Todeserklärung der
Rosa Gruner, geb. Ehrenstamm,
wird Aufgebotstermin bestimmt
auf Dienstag, den 25. Nov. 1947, 10 Uhr
vor dem Amtsgericht Stuttgart, Olgastr.6, III.
Stock, Zimmer 348
II. Es wird folgendes Aufgebot erlassen:
Wilhelm Stein, geb. 3.1.1914, wohnh.[aft] in Heidesheim, Bingerstr. 1.
vertr. durch Notar Josef Gödecker, in Ingelheim a.Rh. Rheinstr. 2
hat das Aufgebot zum Zwecke der Todeserklärung der
Frau Rosa Gruner, geb. am 23.4.1891 in Heidesheim, zuletzt wohnhaft in Stuttgart-W. Gutbrodstr. 89/ Part., wahrscheinlich umgekommen nach ihrer am 27.11.1941 nach Riga erfolgten Deportation in ein KZ., beantragt.
Die Verschollene wird aufgefordert, sich bis zum dem auf Dienstag, den 25. Nov.1947, 10 Uhr vor dem Amtsgericht Stuttgart, Olgastr.6/ III. Zi. 348 anberaumten Aufgebotstermin zu melden, widrigenfalls sie für tot erklärt werden kann.
Alle, die Auskunft über die Verschollene geben können, werden aufgefordert, dem Gericht, spätestens im Aufgebotstermin, Auskunft zu geben.
(kleiner Beleg vom 29. August 1947 für Bezahlung von 19.20 RM vom Staatsanzeiger für Baden-Württemberg für die Veröffentlichung GR 2966 / 47 Todeserklärung Gruner).
Wie aus einem Schreiben an das Regierungsbezirksamt für Wiedergutmachung und kontrollierte Vermögen in Mainz, Walpodenstraße, vom 3. November 1950 hervorgeht, erhielt Wilhelm Stein das Haus in der Binger Straße 1 zurück. Er schrieb: „… Am 1.6.1945 konnte ich nach Heidesheim zurückkehren und wurde mir 1949 das Wohn- und Geschäftshaus durch die Gemeinde Heidesheim rückübereignet. Nachdem ich das Haus unter Aufwendung von ca.16.000 DM. wieder in einen brauchbaren Zustand versetzt hatte, konnte ich am 21.8.1948 das Textilwarengeschäft wieder eröffnen und weiterführen.“ Vom Landesamt für die Wiedergutmachung erhielt er am Stuttgart 28. November 1962 eine Entschädigung von 14.500.- DM. Das Geld reichte nicht einmal, um den Kredit zu bezahlen, den Wilhelm Stein zur Instandsetzung des Hauses aufgenommen hatte. Er führte das Geschäft bis zum 31. Dezember 1984. Dann gab er es aus Altersgründen auf. Er starb am 23. Juli 1994 im Krankenhaus in Ingelheim.
Noch bis vor wenigen Jahren bestand der kleine Laden in der Binger Straße 1.

Das Haus 2022. So ist es auch schon wieder Geschichte Foto: DIF
Klaus Dürsch, Oktober 2022. Dank an das Stadtarchiv Ingelheim am Rhein und Karl Urhegyi, Archiv „Im Lamm“ Heidesheim. Jennifer Lauxmann-Stöhr und Ute Wohlrab für die Recherchen in Stuttgart und Jochen Schmidt.
Stolperstein für Rosalia Bär
Obentrautstraße 10

Stolperstein für Rosalia Bär, geb. Ehrenstamm vor der Obentrautstr. 10. Foto: DIF
Rosalia Bär, geb. Stein wurde in diesem Haus in der Oberdorfstraße 10 geboren und wuchs in Heidesheim auf. Wir wissen bisher nicht viel über ihre Kindheit. Sicher hat sie des Öfteren mit ihren Cousinen Helena Stein und Berta Sauerbach gespielt – für die hier in der Römerstraße auch Steine gesetzt sind und auch mit Rosa Gruner (Tochter von Alexander Ehrenstamm) in der Binger Straße 1. Diese Generation jüdischer Kinder litt besonders unter der Gewaltherrschaft und viele von ihnen wurden ermordet. Sie war das vierte von sechs Kindern des Weinhändlers Adolf Ehrenstamm und seiner Frau Sara, geb. Strauss.
So wie viele der rheinhessischen Landjuden zog es auch den größten Teil der Ehrenstamms am Anfang des 20. Jahrhunderts in die Städte. Wir treffen einen großen Teil der Heidesheimer Ehrenstamms in Frankfurt wieder. So auch Rosalia Bär. Sie heiratete dort am 24. Dezember 1908 den Kaufmann Hermann Bär aus Oberlahnstein. Von ihm wissen wir weiter nichts. Wir finden ihre Spur erst wieder in Berlin. Von dort aus wurde sie im Alter von 67 Jahren zunächst ins Ghetto Theresienstadt und von dort nach Ausschwitz deportiert. Das Schicksal von ihrem Mann ist uns nicht bekannt. Es ist davon auszugehen, dass Rosalie Bär unter denen war, die am 10. Juli 1944 in den Gaskammern von Auschwitz ermordet wurden.
Yad Vashem hat die Transporte in die Konzentrations- und Vernichtungslager dokumentiert. So können wir den weiteren Weg von Rosalia Bär nachvollziehen:
Der Transport I/74 fuhr am 30. Oktober 1942 vom Anhalter Bahnhof in Berlin ab und kam am frühen Abend desselben Tages in Theresienstadt bei Prag an. Der Transport bestand aus 100 Juden, darunter 54 Frauen und 46 Männer. Das Durchschnittsalter der Deportierten betrug 57,9 Jahre. Der Jüngste der Deportierten war vier Jahre alt und der Älteste war 92 Jahre alt. Vier der Deportierten waren unter zwölf, vier waren im Alter zwischen 13 und 18, zehn waren zwischen 19 und 45 Jahre alt, 22 waren zwischen 46 und 60, und 58 waren zwischen 61 und 85 Jahre alt. Zwei der Deportierten waren über 85 Jahre alt.
Den zur Deportation eingeteilten Juden wurde befohlen, selbst im Sammellager Große Hamburger Straße zu erscheinen oder sie wurden von der Gestapo aus ihren Wohnungen geholt. In der Regel erschienen einige Gestapomänner, Mitglieder des Judenreferates, um die zur Deportation bestimmten Juden festzunehmen. Die Juden mussten vor ihrer Deportation alle Steuern und Abgaben bezahlt haben und ihre Wohnungen sauber übergeben. Das Gepäck und die Wohnung wurden von den Gestapoleuten durchsucht, wobei oft Wertgegenstände konfisziert wurden. Anschließend wurden die Wohnungen versiegelt. Die Gestapomänner wurden von jüdischen Aufsehern begleitet, welche den zur Deportation eingeteilten Juden beim Verpacken und Tragen ihrer Habseligkeiten halfen. In Lastwagen wurden die Juden zum Sammellager gefahren. Dies fand für gewöhnlich einen Tag vor der Deportation statt. Im Sammellager wurden die Juden gezwungen, eine Erklärung zu unterzeichnen, in der sie den Staat zum Einzug ihres Vermögens bevollmächtigten.Wie in vorherigen Transporten wurden sie am Tag der Deportation zwischen zwei und drei Uhr morgens geweckt, und bekamen ein einfaches Frühstück, das von Angestellten der jüdischen Gemeinde zubereitet worden war. Gegen vier Uhr verließen sie das Gebäude in der Großen Hamburger Straße. Zu Fuß mussten sie einige hundert Meter zum Monbijouplatz marschieren, wo ein Straßenbahnwagen der BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) bereitstand. Um fünf Uhr waren sie an Bord der Straßenbahn, welche die Deportierten zum Anhalter Bahnhof in der Schöneberger Straße brachte, wo sie etwa um 5:15 Uhr eintrafen. Durch einen Seiteneingang wurden sie zu Gleis 1 gebracht und mussten in zwei alte Waggons dritter Klas-se einsteigen. Diese waren bei der Reichsbahn bestellt worden. Die Waggons waren an einen fahrplanmäßigen Personenzug angehängt, der den Bahnhof gegen sechs Uhr früh nach Dresden verließ. Dort hielt der Zug für einige Stunden. Dann wurden die Waggons an einen anderen fahrplanmäßigen Zug nach Prag angehängt.
Die Route führte die Deportierten von Berlin nach Dresden und den Fluss Elbe entlang nach Decin (Tetschen), Usti nad Labem (Aussig) und schließlich nach Bohusovice (Bauschowitz). Sie mussten am Bahnhof Bohusovice aussteigen und wurden dort von SS-Personal und der tschechischen Gendarmerie in Empfang genommen. Anschließend wurden sie gezwungen, mit ihrem Gepäck die ca. drei Kilometer nach Theresienstadt zu marschieren. Nicht gehfähige Deportierte wurden mit Lastwagen ins Ghetto gefahren.In den Akten des Ghettos wurde der Transport mit der Nummer I/74 verzeichnet, die römische Ziffer I bezieht sich auf Berlin. Die in der Mehrheit älteren Deportierten, welche in diesen Transporten ankamen, starben aufgrund der Mangelernährung und der im Ghetto grassierenden Krankheiten oft schon in den folgenden Monaten. Andere wurden später in Vernichtungslager in den Osten gebracht, wo sie ermordet wurden.
Nach Angaben der Historikerin Rita Meyhöfer sind 16 Überlebende dieses Transportes bekannt. Dies war der 74. von 123 Transporten mit hauptsächlich älteren jüdischen Deportierten (Alterstransporte) von Berlin nach Theresienstadt bis zum Ende des Krieges.
(Quelle: Yad Vashem, Zugfahrt in den Tod, siehe URL: https://deportation.yadvashem.org/index.html?language=de&itemId=5093057) >>>
Mit dem Transport Ea wurde sie vom Ghetto Theresienstadt am 16. Mai 1944 in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz Birkenau gebracht. Über den Transport ist folgendes bekannt:
Ein Teil des Zuges startete in Berlin, der andere in Theresienstadt. Es war der zweite von drei Transporten, die Theresienstadt in diesem Monat, im Vorfeld der Inspektion des Ghettos durch eine Delegation des Roten Kreuzes, verließen. Auf dem Transport befanden sich 2.500 Männer, Frauen und Kinder […] Am folgenden Tag, dem 17. Mai, traf der Zug in Auschwitz-Birkenau ein.
Die Züge aus Theresienstadt nach Auschwitz nahmen die Nordroute nach Dresden, fuhren dann ostwärts nach Breslau (Wrocław) und von dort aus ins oberschlesische Kattowitz (Katowice). Anders als im Fall der meisten in Auschwitz-Birkenau einlaufenden Züge mussten sich die Häftlinge dieses Transports keiner Selektion unterziehen. Es wurde auch keiner von ihnen unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Stattdessen befahl man ihnen, ihr Gepäck liegenzulassen und sich in die so genannte „Sauna“ zu begeben, wo sie rasiert wurden und eine Häftlingsnummer eintätowiert bekamen. Sie wurden dann in einen separaten, abgesonderten Abschnitt von Birkenau gebracht, der „Familienlager B II b“ genannt wurde. Dort waren sie mit Tausenden von anderen Theresienstadt-Häftlingen untergebracht, die bereits im September 1943 angekommen waren.
Der genaue Zweck dieses Familienlagers ist nicht bekannt. Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz-Birkenau, behauptete während der Nürnberger Prozesse 1946, das Lager sei eingerichtet worden, um die Ängste der in Theresienstadt verbliebenen Häftlinge im Hinblick auf das Schicksal zu zerstreuen, das sie im Osten erwarten würde. Allerdings lassen diverse Indizien, die von dem Historiker Otto Dov Kulka vorgelegt wurden, eher darauf schließen, dass dieses Lager als Fassade dienen sollte, um ausländischen Delegationen (wie etwa Vertretern der dänischen Regierung und des Internationalen Roten Kreuzes) eine faire Behandlung der jüdischen Häftlinge vorzugaukeln, für den Fall, dass es zu einer Inspektion von Auschwitz-Birkenau gekommen wäre. Derartige Bemühungen gab es schließlich in Theresienstadt, wo mit viel Aufwand die Illusion von Normalität geschaffen und dem Roten Kreuz erfolgreich vor-gespielt wurde. Das Familienlager war der einzige Ort in Auschwitz, an dem kleine Kinder erlaubt waren und die Erwachsenen taten ihr Bestes, diesen Kindern eine den Umständen entsprechende erträgliche Umgebung zu erhalten.
In den Lagerakten wurden die Häftlinge des Familienlagers als „sonderbehandelt“ geführt. Offiziell hieß es „SB mit 6-monatiger Quarantäne“ (SB für Sonderbehandlung). Das Kürzel SB war die übliche Beschönigungsformel für Mord. Häftlinge, die mit späteren Transporten ins Familienlager kamen, wurden allerdings gelegentlich von diesem in die verschiedensten Arbeitslager verschleppt. Aus diesem Grund überlebten mindestens 137 Häftlinge aus diesem Transport den Krieg. Diejenigen, die im Birkenauer Familienlager blieben, wurden am 10. Juli 1944 in den Gaskammern ermordet.
Eine der Überlebenden, Ruth Siegler, erwähnte den Transport in ihren Memoiren:
“Mitte Mai wurde meine Familie vom Gruppenleiter angewiesen, sich an einem bestimmten Ort vor dem SS-Büro zu melden. Dort befahl man uns, unsere Sachen zu packen und am nächsten Tag zum Bahnhof zu kommen. Im Ungewissen über unser Reiseziel oder was die Zukunft für uns bereithalten sollte, wurden meine Eltern, Brüder, meine Schwester und ich in Viehwaggons gezwängt und am 16. Mai 1944 verließen wir Theresienstadt. […] In unserem Waggon befanden sich ungefähr 50 bis 60 Personen. Wir bekamen etwas Essen, aber kaum zu Trinken. Der Zug hielt während der relativ kurzen Fahrt nur einmal an. In einer Ecke befand sich ein Eimer für die Notdurft. Ich erinnere, dass ich mich erleichtern musste und meine Mutter oder Schwester gefragt habe, sich vor mich zu stellen, um ein wenig Privatsphäre zu haben. Es war unglaublich demütigend. Der Geruch im Waggon war kaum auszuhalten. Als der Zug anhielt, wurde der Eimer ausgeleert. Es gab faktisch kein Trinkwasser und noch nicht einmal Platz, sich hinzulegen. Neben uns im Waggon starben Menschen. Es wurde nicht viel geredet und die kleinen Kinder weinten. […] Als wir in Auschwitz II (Birkenau) ankamen, wurden die Waggontüren geöffnet. Die Frauen und Kinder stiegen zuerst aus. Viele der Kinder weinten und den Müttern wurde gesagt, bei ihren Kindern zu bleiben, um sie zu beruhigen. Männer und Frauen wurden getrennt. Frauen mit Kindern wurden aus der Reihe gezogen und von der Gruppe getrennt. Ich war 17 Jahre alt, gab aber ein anderes Alter an, um bei meiner Mutter und meiner Schwester bleiben zu können. Unsere Sachen wurden auf einen Haufen geworfen und uns wurde gesagt, wir würden sie später wieder bekommen. Zu dieser Zeit dachte ich, ‘Wie werden sie unsere Sachen finden können?’ Selbstverständlich hatten unsere Entführer gar nicht vor, uns irgendetwas zu geben, abgesehen von Leid und schließlich Tod.”
(Quelle: Yad Vashem, Zugfahrt in den Tod, siehe URL: https://deportation.yadvashem.org/index.html?language=de&itemId=5092051&ind=-1) >>> [abgerufen und ein wenig bearbeitet am 12.08.2022].
Stolpersteine für Helene Stein und Bert(h)a Sauerbach, geb. Stein und Rosa Heiser vor der Römerstraße 19, früher 7, in Heidesheim
Stolperstein für Berta Sauerbach, geb. Stein
Römerstraße 19

Stolpersteine für Helene Stein und Bert(h)a Sauerbach, geb. Stein und Rosa Heiser vor der Römerstraße 19, früher 7, in Heidesheim
Bert(h)a Stein wurde am 17. Mai 1877 in Heidesheim als drittes Kind des Weinhändlers Max Stein und seiner Frau Rosalia, geb. Ehrenstamm in Heidesheim geboren. Sie lebten in der Römerstraße 7, heute Nr. 19. Ihre Mutter starb, als sie sieben Jahre alt war. Der Vater heiratete Regina, die Schwester von Rosalia. Die Eltern hatten insgesamt sechs Kinder: Helena, Flora, Berta, Eugen, Art(h)ur und Rosalia mit der zweiten Frau. Drei Töchter wurden ermordet. Flora, verheiratete Surhold, starb schon 1932, Artur und Eugen Stein waren seit ca. 1912 Weinhändler in Frankfurt am Main. Eugen Stein entkam ca. 1938 nach England. Er starb dort 1954. Artur Stein floh ca. 1938 in die USA. Er arbeitete noch im Alter von 68 Jahren 40 Stunden in der Woche an einem Aufzug in einem Hotel in New York. Er starb dort 1968.

Das Elternhaus von Helena Stein, Berta Sauerbach und Rosalia Heiser Foto: DIF 2022
Über die Kindheit, Schulzeit und Ausbildung ist bisher nichts bekannt. Berta heiratete am 24. November 1899 in Heidesheim den Kaufmann Emil Sauerbach aus Sauerschwabenheim, heute Schwabenheim. Zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit lebte das Paar laut Heiratsurkunde in Heidesheim. Laut Meldebogenwaren sie ab dem 6. Dezember 1899 in Offenbach in die Eginhardstraße 7 gezogen (siehe Stadtarchiv Offenbach). Dort wurde am 9. Dezember 1899 ihr Sohn Alfred geboren. Im Oktober 1900 zogen sie wieder nach Heidesheim. Die Ehe hat nicht lange gehalten. Im Februar 1904 zog Emil Sauerbach wieder nach Offenbach, dann nach Mainz und wieder nach Offenbach. Irgendwann in dieser Zeit wurde die Ehe geschieden.

Alfred Sauerbach
Emil Sauerbach emigrierte in die USA. Am 3. Juli 1907 erreichte er von Antwerpen kommend auf der Vaderland New York, USA. Seine zweite Ehe führte er mit Sidonie Sauerbach, geb. am 2. Mai 1885, gestorben 1970. Er erhielt 1910 die amerikanische Staatsbürgerschaft, Sidonie im Jahr 1903 (siehe URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10134/volkszahlung-1930-der-vereinigten-staaten?s=574206361&itemId=214283905-&groupId=d0a0456dcd557fbe808aeb063f0503e6&action=showRecord&recordTitle=Sidonie+Sauerbach).
Laut einer Meldekarte von 1918 arbeitete er als „Salesman für die Carmel Oil Co. Die Firma war in der Jennings Street 821 in New York im Stadtteil Bronx angesiedelt (siehe URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10513/vereinigte-staaten-1-weltkrieg-registrationsrentwurfe-1917-1918?s=574206361&itemId=22135995-&action=showRecord&recordTitle=Emil+Sauerbach[11.10.2022]).
Vermutlich hatten die beiden zwei Kinder: Carl und Martha. Margarete Howe, – es muss Elise Stein, geb. Howe sein-, schrieb in einem Brief nur von einer Tochter (Brief von Margarete (Grete) Howe 17. September 1955 an Alfred, Staatsarchiv Ludwigsburg, FL 300/33 I, BÜ 3374. Ute Wohlrab schrieb sie dankenswerterweise ab). Aus einer Volkszählungsliste geht hervor, dass er 1930 noch in der Bronx lebte, im Distrikt F. Er war zu dieser Zeit ein arbeitsloser „Salesman“ (siehe URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10002/us-sterbe-verzeichnis-der-sozialversicherung-ssdi?s=574206361&itemId=11900297-&action=showRecord&recordTitle=Sidonie+Sauerbach und URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10002/us-sterbe-verzeichnis-der-sozialversicherung-ssdi?s=574206361&itemId=11900297-&action=showRecord&recordTitle=Sidonie+Sauerbach).
Er starb am 24. Mai 1937 Manhattan, NY, USA (siehe URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10734/new-york-city-sterberegister-1862-1948?s=574206361&itemId=4445350-&action=showRecord&recordTitle=Emil+Sauerbach [10.10.2022]).
Über Berta Sauerbach erfahren wir erst wieder 1929. Da lebte sie in der Melemstr. 8 in Frankfurt. Diese Wohnung in einem Stadthaus in Frankfurt hatten die Geschwister Stein seit ihrem Neubau 1915 bewohnt. In einem Schriftverkehr von 1929 erwähnt Berta Sauerbachs Schwester Rosalia Heiser, dass sie dort nach ihrer Flucht aus der Pflegeeinrichtung in Heidesheim unterkam (Brief von Rosalia Heiser vom 4. Juni 1929 an die Bürgermeisterei Heidesheim (Stadtarchiv Ingelheim am Rhein, Rep. HH/490/21). Während des Aufenthaltes von Rosalia Heiser haben sich laut Aussagen ihres Bruders Artur die Schwestern um sie gekümmert. In der Melemstraße 8 muss zunächst Artur Stein gewohnt haben, wohl bis zu seiner Hochzeit mit Emma Nussbaum. Dann zog er in die Scheffelstraße 22 um. In der Heiratsurkunde ist angegeben, dass seine Ehefrau dort zum Zeitpunkt der Trauung lebte. Aber auch sein Bruder Eugen lebte dort bis zu seiner Hochzeit 1918 (siehe URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10817/deutschland-hessisches-personenstandsregister-1849-1931?s=574206361&itemId=52560-S&action=showRecord&recordTitle=Eugen+Stein+%26+Elise+Anna+Wilhelmine+Howe).
Ab ca. 1924 lebte dort laut Frankfurter Adressbuch auch Alfred Sauerbach, der Sohn von Berta Sauerbach. Spätestens seit 1929 lebte seine Mutter bei ihm. Weiterhin wohnte dort zumindest eine weitere Schwester, die 1932 verstorbene Flora, verheiratete Surhold. Ihre Adresse war laut Sterbeurkunde die Melemstraße 8. Die Wohnung scheint nach dem Wegzug aus Heidesheim das Domizil der Geschwister Stein gewesen zu sein.
Alfred Sauerbach muss ca. 1934/1935 eine Anstellung in einem Textilwarengeschäft in Stuttgart bekommen haben. Wahrscheinlich war er der erste der Familie, der nach Stuttgart umgezogen war. Das geht aus einem Brief von Elisa, genannt Margarete, geb. Howe, hervor (siehe oben). „Frau Sauerbach hatte die ganzen Stoffe, die ihr noch Alfred aus seinem Geschäft in Stuttgart, in dem er beschäftigt war, besorgt hatte, verarbeiten lassen oder selbst verarbeitet. Es war der ganze Wäscheschrank voll (siehe URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10817/deutschland-hessisches-personenstandsregister-1849-1931?s=574206361&itemId=52560-S&action=showRecord&recordTitle=Eugen+Stein+%26+Elise+Anna+Wilhelmine+Howe).
Seit 1938 war sie auf dem Hölderlinplatz 4 gemeldet (Adressbuch Stuttgart, Passagierliste Alfred Sauerbach (siehe URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10512/ellis-island-und-andere-new-york-passagierlisten-1820-1957?s=574206361&itemId=20615006-M&action=showRecord&recordTitle=Berta+Sauerbach), ebenso 1939.
Laut Adressbuch Stuttgart von 1940 lebte sie in der Hegelstraße 49 (S. 727), einem Judenhaus (siehe auch Volkszählungsliste 1939 (URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10901/deutsche-minderheiten-volkszahlung-1939?itemId=347476-&groupId=7030f6c205b2c3a260694ede49906b15&action=showRecord&recordTitle=Berta+Sauerbach+%28geb.+Stein%29). Jedoch gibt es andere Hinweise, dass sie in der Rosenbergstaße 136 lebte. Dies wird aber nicht in den Adressbüchern vermerkt (Die Stuttgarter Adressbücher scheinen nicht immer exakt gewesen zu sein. Auch Hölderlinplatz und Hölderlinstraße wurden verwechselt. Letztlich wird sich das nicht mehr aufklären lassen. Aus dem Schreiben ihrer Schwägerin von 1955 geht hervor, dass sie im Parterre wohnte. Das würde auf das Haus Rosenbergstr. 136 zutreffen. Dennoch bleibt die Frage, wieso die Adressbücher etwas anderes behaupten.
In den Adressbüchern finden sich Hinweise, wie die Juden systematisch ausgegrenzt wurden. Zunächst wurden sie zu Juden gemacht, egal ob sie das wollten oder nicht. In den Adressbüchern wurden sie dann im Straßenverzeichnis mit einem „J“ für Jude gekennzeichnet. Ab 1940 wurden sie nicht mehr im allgemeinen Namensverzeichnis aufgeführt, sondern in einer eigenen Rubrik im Anhang. Die Gestapo musste nur die Seiten im Adressbuch aufschlagen und ihre Opfer einsammeln.
Laut einem Schreiben von Frau Elisa Stein (Grete Howe) vom 12. Januar 1956 haben die beiden Schwestern Berta und die unverheiratete Helena zusammengewohnt.
Die Restitutionsakten machen deutlich, wer die Frauen waren und wie sie lebten. Grete Howe, schrieb am 17. September 1955 an ihren Neffen Alfred Sauerbach in New York: „Lieber Alfred, ich erhielt heute Deinen Brief und wolltest Du gerne wissen, was mit den Sachen und dem Besitz Deiner lieben Mutter bei ihrer Deportation geschehen ist. Als Deine liebe Mutter mir schrieb, dass sie mit dem nächsten Transport mitkämen, (es war nur zwei Tage vorher, da sie für zwei andere, die krank geworden waren, gewählt wurden). Lehnchen [Helene Stein] ging freiwillig mit, fuhr ich sofort nach Stuttgart, um ihr behilflich zu sein. Sie wohnten noch in der gleichen 4 Zimmer Wohnung, wie Du sie verlassen hattest. Die ganze Einrichtung Möbel, Klavier, Betten, Teppiche, Vorhänge, auch das ganze Silber waren noch da. Sie hatten noch gar nichts verkauft, da sie ja doch täglich auf ihre Auswanderung nach Amerika warteten und ja auch Geld ausreichend hatten.
Außerdem hatten sie die ganze Ausstattung für sich selbst an Kleidern und sehr viel neue Bettwäsche, es war ein ganzer Schrank Wäsche, für Amerika und auch Überseekoffer angeschafft. Geld hatten sie auch an 4000 RM bereit liegen, da man ja damals nur beschränkte Beträge abheben konnte, hatten sie es von der Bank nach und nach geholt. Dieses nahm die Gestapo an sich und gab jeder einige Mark – da sie dort alles frei hätten. Es ging ja auch alles so überraschend schnell. In den meisten Fällen trieb sich die Gestapo auch schon tagelang vorher in den Wohnungen herum und notierte alles. Ich wurde auch notiert, d.h. Die Personalien aufgenommen und gefragt, wer ich bin. Als ich sagte, ich wäre zur Hilfe gekommen, erlaubten sie mir zu bleiben und auch bis vor die Türe des Versammlungslokales mitzugehen und tragen zu helfen. Jeder durfte nur einen Koffer mitnehmen, den sie tragen konnten.
Hier in Frankfurt kam jeder, der in einem Haushalt angetroffen wurde und nicht zur Verwandtschaft gehörte, ins Gefängnis. Nach Verlassen der Wohnung wurde diese von der Gestapo abgeschlossen und versiegelt. Was damit geschehen ist, weiss ich nicht. Hier in Frankfurt suchten sich die von der Gestapo und die Frauen der N.S.V. [Nationalsozialistische Volkswohlfahrt] das Beste heraus, das andere wurde wohl zur Versteigerung gegeben. Ich fuhr nach einigen Wochen noch einmal herunter, um zu sehen, ob noch etwas zu retten ist, aber niemand wusste etwas, auch wohnten schon andere Leute darin.
Ich schreibe auf Eugens [ihr 1954 in England verstorbener Ehemann] alter Maschine, meine haben sie mir gestohlen. Dauernd setzt das Ding aus. Ich hoffe, lieber Alfred, dass Dir diese Auskunft genügt. Grüsse bitte Deine liebe Frau und Dein Töchterchen herzlichst von mir. Mit herzlichen Grüßen und Wünschen für Dich, bin ich Deine Grethe Howe“ (Staatsarchiv Ludwigsburg, FL 300/33 I, BÜ 3374).
Aus dem Brief wird deutlich, dass Berta Sauberbach und möglicherweise auch Helene Stein ein Visum in die USA beantragt hatten. Das amerikanische Konsulat war damals in Stuttgart. Sie hatten sicher eine Registriernummer. Aber die Einreise in die USA war beschränkt. Jedes Jahr wurde nur eine gewisse Anzahl zugelassen. So mussten die Antragsteller warten. Viele von ihnen, so auch Berta Sauerbach und Helene Stein, schafften die Ausreise nicht mehr.
Ein Brief von Margarete Howe an den Rechtsanwalt Ludwig van der Walde vom 12. Januar 1956 enthält weitere Details. Der Rechtsanwalt wird die Restitution beantragt haben:
„Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt!
Ihre Anfrage vom Dezember kann ich leider erst heute beantworten, da ich erkrankt war und mich nicht informieren konnte.
Es kann wohl sein, dass es mir durch die Länge der Zeit und durch viele Schicksale in der eigenen Familie gar nicht aufgefallen ist, dass Frau Sauerbach in eine andre Wohnung gezogen ist. Alfred ist ja wohl schon sehr früh, im Jahr 38 aus Deutschland gegangen und wir zu der Zeit nicht in Frankfurt, wohl überhaupt nicht in Deutschland, da ich viel im Ausland war, solange dieses noch erlaubt war.- Jedenfalls habe ich nur die Wohnung und Einrichtung [unleserlich]. Es waren ein sehr hübsches Ess- und Wohnzimmer mit Buffet, Kredenz-Tisch, grosser schöner Standuhr, Tisch und Stühle und auch einige schöne wertvolle Bilder, Vorhänge und Teppich, dann ein Compiler. Schlafzimmer mit zwei Betten, da die Schwester von Frau Sauerbach [Helene Stein] bei ihr wohnte – dann ein k.[leines] Einzelzimmer, in dem ich schlief und das wohl öfters vermietet worden war und noch ein Zimmer, das eine Art Wohnküche mit Kochgelegenheit war. Die gr.[osse] Küche war im Souterrain. – dass Frau Sauerbach Möbel verkauft hat, glaube ich nicht, da es sehr schwer war, wenigstens hier in Frankfurt, Möbel zu verkaufen. Die jüd.[ische] Familien wurden ja von allen Seiten hier bespitzelt und sie sollten ja nichts verkaufen, sondern alles komplett lassen, damit die Frauen von der NSV [Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt] oder die Gestapo selbst sich die Sachen aussuchen konnten, ehe das Finanzamt kam. Manche wagten hier nicht mal ein Buch aus ihrem Bücherschrank zu verleihen, weil die Gestapo sie sich schon vorgemerkt hatte. Sobald ein größeres Möbelstück aus dem Haus getragen wurde, regte sich die ganze Nachbarschaft auf.
Das Bank – Conto kann ich Ihnen auch nicht sagen, sie bekamen alle nur beschränkte Beträge, entweder monatlich oder wöchentlich ausgezahlt und waren die Beträge sehr gering und richteten sich nach der Grösse des Bank – Kontos. Deshalb hoben die meisten alles nach und nach ab und verwahrten es bei Bekannten oder bei sich zu Hause. Das hatte Frau Sauerbach auch getan und da sie ja immer auf die Genehmigung zur Ausreise nach Amerika warteten, das Geld für die Reise gespart. Alles lag schon fertig dazu da, Kleider und Mäntel und auch Bett- und Gebrauchswäsche ganz neu und ungebraucht war ein ganz grosser Teil vorhanden. Frau Sauerbach hatte die ganzen Stoffe, die ihr noch Alfred aus seinem Geschäft in Stuttgart, in dem er beschäftigt war, besorgt hatte, verarbeiten lassen oder selbst verarbeitet. Es war der ganze Wäscheschrank voll. – Die Nachricht von der Deportation kam ja auch so überraschend, Frau Sauerbach hatte ja gar nicht mehr damit gerechnet. Da sie für eine andere Dame, die erkrankt war, als Ersatz gewählt wurde, es waren nur zwei Tage vorher.
Ich fuhr sofort hin, aber als ich ankam, ging schon die Gestapo im Hause ein und aus. Das ganze Haus wurde deportiert, es waren alles jüdische Familien.
Wir hatten so viel zu tun und dachten nur an das Notwendigste. Da es hieß der Transport geht nach Russland, fehlte es an warmen Sachen und einfacherer Kleidung. Sie hatten ja [die Gestapo] den Leuten eingeredet, sie könnten dort arbeiten und sich ihren Unterhalt verdienen. Es mussten Rucksäcke angeschafft werden, denn jeder durfte nur einen Handkoffer, den er selbst tragen konnte, mitnehmen und warme Decken für die Fahrt und warme, derbe Schuhe. Wir dachten gar nicht daran von Silberabgabe und Bank – Konto zu sprechen. Frau Sauerbach wollte das Geld gerne mitnehmen, um sich doch in Russland von Anfang an helfen zu können, evtl. einen Erwerb zu schaffen. In Stuttgart waren die Gestapo-Leute sehr anständig, besonders der eine von ihnen half den Leuten und erlaubte ihnen allerhand. Ich durfte auch bleiben und helfen und sogar nachher mitgehen und tragen helfen. – Vielleicht haben sie keine Leibesvisitation gemacht, sondern nur, wo sie etwas vermuteten. Hier in Frankfurt war alles viel strenger, viele hatten in ihre Mäntel u. Kleider Schmucksachen eingenäht.
Die Silberabgabe muss vor der ersten Deportation gewesen sein, das Datum konnte ich nicht erfahren, jedenfalls war ich zu dieser Zeit nicht in Deutschland [siehe: „Dritte Anordnung aufgrund der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ vom 21. Februar 1939]. Ich entsinne mich aber sehr gut, dass Frau Sauerbach auf ihrem Buffet sehr schöne Silbersachen stehen hatte, eine silb.[erne] Garnitur Kaffeekännchen, Milch- und Zuckerschale, 2 große silberne Leuchter, eine wertvolle Teedose, holl.[ändische] Silberarbeit, wo im Relief der Auszug der Kinder Israels gearbeitet war, dann 2 schöne Kuchenschalen u. ein silberner Brotteller. Ich entsinne mich dieser Sachen so genau, weil sie teilweise aus dem Nachlass ihrer verstorbenen Schwester waren, bei der ich früher verkehrte [Flora Surhold, gest. 20.10.1932]. Diese Sachen habe ich bei ihr nicht mehr gesehen und sie hat diese abliefern müssen, um nicht angezeigt zu werden. Vielleicht war es ihr möglich, die Bestecke oder einen Teil zu retten – vielleicht waren diese auch schon Ersatz, wie hier viele Familien angeschafft hatten. Jedenfalls ist es ja auf jeden Fall in die Hände der Gestapo gefallen. Die Wohnungen wurden ja alle nach Verlassen von der Gestapo verschlossen u. versiegelt. Die guten Sachen holten sie dann heimlich nachts oder morgens ganz früh ab unter irgendeinem Vorwand. – Ich fuhr dann, wir durften nur bis an die Pforte des Versammlungsortes mit, gleich ab, da die Gestapo mich immer beobachtete. Nach einigen Wochen war ich wieder in Stuttgart und ging am Hause vorbei, es war von andren bewohnt.
Ich vergass noch das Klavier zu erwähnen, was sie auch noch hatte. Beide Damen waren konservatorisch ausgebildet und Frau Sauerbach hatte noch, soweit es ihr möglich war, Klavierunterricht gegeben.
Die Deportation war Ende November 41.
Ich hoffe, dass Sie meine Aussagen verwenden können, bin aber gerne bereit, Ihnen noch weitere Angaben zu machen. Wir haben hier in Frankfurt jede Deportation miterlebt, nur können wir uns nicht so genau der Daten erinnern. Die meisten kamen ja ums Leben und ich glaube nicht, oder nur die wenigsten der Hinterbliebenen bei ihren Ersatzansprüchen die Bank-Contenance etc. wissen, an diese Sachen dachte ja bei den Aufregungen kaum jemand – dass es mal zur Abrechnung kommen würde, überhaupt dieses schreckliche Regime jemals ein Ende finden würde, daran hat kaum jemand gedacht.
Hochachtungsvoll
Margarete Howe
(Staatsarchiv Ludwigsburg, FL 300/33 I, BÜ 3374. Dank an Frau Lauxmann-Stöhr für die Abschrift).
Margarete Howe war nicht jüdisch. Wahrscheinlich konnte sie deshalb in Frankfurt in ihrer Wohnung in der Liebigstraße 24 bleiben. Dort lebte sie noch 1955. Wann ihr Mann Deutschland verlassen hat, ist nicht ganz klar, wohl um das Novemberpogrom 1938 herum. Manchmal konnten nichtjüdische Angehörige einige Sachen ihrer jüdischen Verwandten retten, zumindest Fotoalben und andere persönliche Gegenstände. Hier scheint das nicht möglich gewesen zu sein. Es ist davon auszugehen, dass die Schwestern Ende November ihr Gepäck im Gemeindehaus in der Hospitalstraße oder im Sammellager auf dem Gelände der 3. Reichsgartenschau von 1939 auf dem Killesberg abliefern mussten.
In den Akten zum Wiedergutmachungsprozess, den Alfred Sauerbach geführt hat, ist eine Zeugenaussage einer Freundin von 1961 erhalten, von Frau Paula Hingel, geb. Kohler, die Aufschluss über das ihre letzten Lebensjahre gibt:
„Nach 1932 oder 1933 schrieb mir Herr Eugen Stein, sein Neffe Alfred Sauerbach hätte einen Posten angenommen in Stuttgart und würde bei mir vorbeikommen wegen einer Wohnung. Ich habe ihn 4-6 Wochen bei Bekannten untergebracht. Er fand dann eine Wohnung am Hölderlinplatz 4. Wenn ich Zeit hatte, besuchte ich ihn. Er ist dann 1936 oder 1937 ausgewandert. Seine Mutter Berta Sauerbach blieb in der Wohnung Hölderlinplatz 4 zusammen mit ihrer Schwester Lenchen Stein, die ledig war. Der Hausbesitzer hat ihnen gekündigt, weil sie Juden waren; da war noch nicht Krieg. Sie sind dann vom Hölderlinplatz in die Hölderlinstraße [4] umgezogen; … In der Hölderlinstraße hatten die beiden anstelle ihrer seitherigen 3 Zimmer nur noch 2 Zimmer, aber große, mit Küchenbenutzung. Nach meiner Erinnerung haben sie bei ihrem Umzug einen Teil ihres Mobiliars weggegeben; sie dürften die Sachen eben verkauft haben. Sie hatten nicht mehr so viel Wohnraum wie vorher und eben keine eigene Küche mehr und waren deshalb gezwungen, einen Teil des Mobiliares abzustoßen. Nach einiger Zeit mussten Berta Sauerbach und ihre Schwester Lenchen Stein auch aus dieser Wohnung wieder heraus; … Ich kam nur sehr selten in die Wohnung, weil die SS sich in der Nähe aufhielt. Eines Tages kam Frau Sauerbach in meiner Abwesenheit in meine Wohnung und ließ mir mitteilen, ich solle bei ihr vorbeikommen, da sie in den nächsten Tagen wegmüsse. Als ich wohl am folgenden Tag hinging, traf ich niemand an. Ich habe sie dann gar nicht mehr wiedergesehen.
Frau Sauerbach hatte bei unserem letzten Zusammentreffen mir erzählt, dass sie nach dem Osten umgesiedelt würden, sie wisse jedoch nicht wann und wohin; sie solle schöne Kleider, warme Decken, möglichst Matratzen, mitnehmen. Die Zimmerchen waren so klein, dass nicht mehr viel da war. Die Gold- und Silbersachen mussten die beiden abliefern. Frau Sauerbach hat mir dies selbst erzählt.… Kurz bevor Frau Sauerbach deportiert wurde, ließ sie zu mir alte Sachen bringen zur Aufbewahrung, die jedoch keinen Wert hatten. Einige Zeit später kam Frau Howe aus Frankfurt und hat die Sachen mitgenommen.“
(Staatsarchiv Ludwigsburg, FL 300/33 I, BÜ 3374, recherchiert von Jennifer Lauxmann-Stöhr, Recherche vom 18. Oktober 2022).

Hölderlinplatz Nr. 4 2023. Foto: Jennifer Lauxmann-Stöhr
Am 1. Dezember 1941 wurden die Schwestern nach Riga deportiert. Auch ihre Cousine Rosa Gruner befand sich in diesem Transport (siehe oben).
Roland Müller schreibt dazu:
„Seit dem 27. November trafen Betroffene aus den Landgemeinden, begleitet von Ordnungspolizisten, in Sonderabteilen oder -wagen regulärer Züge in Stuttgart ein. Während in der sogenannten Ehrenhalle des Reichsnährstands Visitation und Registrierung erfolgte, mussten die Menschen mehrere Tage und Nächte in drangvoller Enge in der Blumenhalle kampieren. Für die Deportation mussten die Opfer eine Fahrkarte bezahlen sowie die Beschlagnahme ihres (meist kaum noch vorhandenen) Vermögens quittieren. Ein von der Stapoleitstelle oder der Stadt in Auftrag gegebener Film über das Sammellager ist ein Dokument der Verzweiflung und Grausamkeit zugleich.
In den frühen Morgenstunden des 1. Dezember 1941 begann eine viertägige Fahrt vom Inneren Nordbahnhof nach Riga. Das dortige Ghetto war trotz eines Massakers am 30. November bei Ankunft des Zuges aus Stuttgart sowie Zügen aus Nürnberg, Wien und Hamburg noch belegt. Die Deportierten wurden deshalb in das provisorisch als Lager hergerichtete Gut Jungfernhof verschleppt. Aufgrund der katastrophalen Bedingungen in ungeheizten Scheunen sowie bei der Zwangsarbeit starben viele Menschen. Der Großteil der Deportierten fiel am 25. März 1942 einem Erschießungskommando zum Opfer. 1943 wurden Überlebende ins neu eröffnete KZ Kaiserwald verlegt. Nach den Erhebungen Paul Sauers haben nur 42 Personen diese Deportation überlebt“
(siehe: URL https://www.stadtlexikon-stuttgart.de/article/e5486815-dabd-4b74-a64c-f36b28ce3345/%22Deportationen%22_seit_1941_mit.html [13.10.2022]). >>>
Die drei Heidesheimer Frauen wurden also spätestens im März 1942 ermordet, wenn sie nicht vorher schon umgekommen sind.
Es sind bis heute keine genauen Dokumente über den Tod der Frauen bekannt. Laut Prof. Roland Müller gibt es für die Deportation von Stuttgart nach Riga vom 1. Dezember 1941 keine Transportliste der Stapoleitstelle wie für die zwei großen Deportationen des Jahres 1942. Deshalb waren bei einschlägigen Projekten bzw. nachträglich erstellten Listen gewisse Ungenauigkeiten nicht zu vermeiden. Laut mehreren Zeugenaussagen kamen die Schwestern erst im letzten Moment auf die Liste. Möglicherweise waren sie Ersatz für zwei andere Personen, die in den Freitod gegangen sind (Prof. Roland Müller, Institut für Landesgeschichte Stuttgart, schrieb auf Anfrage am 25. Oktober 2022)
Alfred Sauerbach beantragte 1956, dass seine Mutter und ihre Schwester für tot erklärt wurden. Dies war notwendig, um eine Restitution für die geraubten Güter beantragen zu können. Da Alfred Sauerbach in den USA lebte, beauftragte er seine Tante, Elise Stein/Margarete Howe, den Prozess in Gang zu setzen.
Obwohl die Schwestern schon lange nicht mehr in Heidesheim wohnten, wurde auf ihren Geburtsurkunden (siehe Stadtarchiv Ingelheim am Rhein, Geburtsurkunde Nr. 40/1877 sowie Nr. 31/1873) am 20. Dezember 1938 vermerkt, dass sie Sara als zusätzlichen Namen angenommen haben. Sie wurden allerdings nicht gefragt, ob sie diesen Namen auch tragen wollten. Am 20. April 1951 wurde dieser Name wieder gelöscht. Letzte Eintragung ist, dass das Amtsgericht Stuttgart sie am 16. November 1956 für tot erklärt hat (Aktenzeichen GR.7021-22/56, Stadtarchiv Ingelheim am Rhein, Geburtsurkunde Nr. 40/1877 sowie Nr. 31/1873). Dieser Tag des Kriegsendes wurde gewählt, weil kein anderes Datum bekannt war. Die Akten über den Wiedergutmachungsprozess im Staatsarchiv Ludwigsburg geben einen guten Einblick darein, wie diese Prozesse verliefen. Die Angehörigen mussten genau nachweisen, welche Güter verloren gegangen sind. Nicht berücksichtigt wurde, dass die beiden Schwestern den größten Teil ihrer Habe bereits auf dem Umzug von Frankfurt am Main nach Stuttgart und dort durch zwei weitere Umzüge verloren hatten. Es ließ sich auch nicht nachweisen, welche Wertsachen sie abgeben mussten. Dank der Nachforschungen von Alfred Sauerbach sind wenigstens einige Spuren ihres Lebens erhalten geblieben. Alfred Sauerbach/Brook hat keine Entschädigung erhalten. Er starb vor Ende des Prozesses am 2. November 1962. Ein unrühmliches Kapitel deutschere Rechtsgeschichte.
Stolperstein für Helene Stein
Römerstraße 19

Über Helene Stein (Lenchen) wurde am 9. Juli 1873 in Heidesheim, Römerstr. 7 (heute 19) als erstes Kind des Weinhändlers Max Stein und Rosalia, geb. Ehrenstamm geboren. Über ihre Kindheit ist wenig bekannt. Sie war die älteste von fünf Geschwistern: 2. Flora (verh. Surhold), 3. Berta (verh. Sauerbach), 4. Eugen und 5. Artur. Ihre Mutter starb, als sie zwölf Jahre alt war. Ihr Vater heiratete die Schwester ihrer Mutter, Regina. Sie bekamen noch eine Tochter, Rosalia (verh. Heiser). Siehe auch ihre Schwester Berta Sauerbach (oben), mit der sie wohl viele Jahre zusammengelebt hat. Sie soll konsvervatorisch gebildet gewesen sein und konnte Klavier spielen.
Laut Minderheitenzählung lebte sie 1939 zusammen mit ihrer Schwester Berta in Stuttgart (siehe URL: https://www.myheritage.de/research/collection-10901/deutsche-minderheiten-volkszahlung-1939?s=574206361&itemId=356389-&groupId=7030f6c205b2c3a260694ede49906b15&action=showRecord&recordTitle=Helene+Stein, [13.10.2022], siehe auch Alphabetischen Verzeichnis der jüdischen Einwohner, Adressbuch Stuttgart 1940 Namensverzeichnis S. 727, 2. Stock, Straßenverzeichnis S. 190. Ab 1940 sind im Stuttgarter Adressbuch die Namen der Juden hinter dem allgemeinen Namensverzeichnis aufgeführt. Im Stuttgarter Adressbuch ist sie am 1940 in der in der Hegelstraße 49, 2. Stock eingetragen. Dies ist war ein sogenanntes Judenhaus. Diese waren Häuser mit jüdischen Besitzern, in die nach Inkrafttreten des Reichsgesetzes über die Mietverhältnisse mit Juden vom 30. April 1939 jüdische Mieter zwangseingewiesen werden. Sie lebten dort eng zusammen gedrängt bis zu den 1941 beginnenden Deportationen. Laut Zeitzeugen lebten die Schwestern allerdings in der Rosenbergstraße 136. Von dort wurde zusammen mit ihrer Schwester Berta Sauerbach und mit ihrer Cousine Rosa Gruner am 1. Dezember 1941 nach Riga – Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga deportiert und dort ermordet (URL: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de974615 [13.10.2022] >>>, siehe auch Berta Sauerbach). Laut Amtsgericht Stuttgart wurde sie am 16. November 1956 auf Veranlassung ihres Neffen Alfred Sauerbach für tot erklärt (siehe Stadtarchiv Ingelheim am Rhein, Geburtsregister Heidesheim Nr. 31/1873).

Stolperstein für Rosa Heiser, geb. Stein
Römerstraße 19
Die Lebensgeschichte von Rosa Stein, verh. Heiser ist tragisch. Rosa Heiser verhielt sich auffällig und machte ihrer Umgebung das Leben schwer. Deshalb wurde sie schließlich in psychiatrischen Kliniken untergebracht. Jüdisch zu sein und ein wenig verrückt, führte schließlich zu ihrer Ermordung im Rahmen der Euthanasie. Der Geburtsname Stein und Ehename Heiser werden beide in den Quellen verwendet. Ihre unehelichen Kinder hießen Stein, sie unterschrieb ihre Briefe weiter mit Heiser, geb. Stein. In diesem Artikel wird überwiegend der Nachname Heiser verwendet.
Rosalia (Rosa) Stein, verh. Heiser wurde am 1. Januar 1887 in Heidesheim geboren. Sie war die Tochter von Maximilian Stein mit seiner zweiten Ehefrau Regina, geb. Ehrenstamm. Der Weinhändler Maximilian Stein war in erster Ehe mit Rosalia Ehrenstamm verheiratet, der Schwester seiner zweiten Frau. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor, Helena, Flora, Bertha, Eugen und Art(h)ur. Nach Rosalia Steins Tod im Jahre 1885 heiratete Maximilian Stein ihre Schwester Regina. Das Kind der beiden wurde Rosalia (Rosa) genannt. Nach einer jüdischen Tradition wird ein Name einer Verstorbenen einer Neugeborenen gegeben. Rosa Heiser trug also den Namen ihrer Tante und Stiefmutter. Sie besuchte die Volksschule in Heidesheim. Die Familie zog für eine Weile nach Mainz in die Kaiserstraße 8. Während dieser Zeit ging sie auf die Höhere Mädchenschule (heute Frauenlob) in Mainz (23. Oktober 1896 bis 2. Juni 1897). Wegen des Umzugs nach Heidesheim, in die Römerstraße 7, heute 19, ging sie danach wieder auf die Volksschule in Heidesheim. Ab Mai 1900 war sie noch einmal kurz auf der Höheren Mädchenschule in Mainz. Da sie die Schule oft schwänzte, erhielt sie bis zum 14. Lebensjahr Privatunterricht. (Quellen: Klassenlisten der Höheren Mädchenschule (HMS). Archiv R. Frenzel [Sept. 2022]), Patientenakte Rosa Heiser, Abschrift unter 13. Mai 1913, HHStA, 2072-02 9573).
In der im Hessischen Hauptarchiv Wiesbaden erhaltenen Patientenakte von Rosa Heiser befindet sich die Abschrift eines ärztlichen Gutachtens vom 15. November 1908. Daraus lässt sich der Leidensweg von Rosa Heiser erschließen, seit sie 21 Jahre alt war. Im August 1908 wurde sie angezeigt. Ihr wurde zur Last gelegt, den Landwirt um 25 Mark betrogen zu haben.
Die Heidesheimer Bürgermeisterei nahm wohl die Anzeige zum Anlass zu weiteren Schritten, da „die ´Veranzeigte´ seit einiger Zeit sich Handlungen erlaubt und einen Lebenswandel führt, der darauf schließen lasse, dass dieselbe geistig nicht normal sei.“ Daraufhin wurde das Gutachten über sie angefertigt. Es beruhte auf Aussagen des behandelnden Arztes und Informationen aus ihrer Umgebung. Die Informationen aus Heidesheim lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Ihre Mutter wurde als stark hysterisch eingeschätzt und war deswegen auch in Behandlung. Vom 11. Lebensjahr an versäumte gern die Schule und hatte sich schon früh zur Frau entwickelt.
Rosa lief mehrfach von zu Hause fort. Mit ungefähr 14 Jahren fing sie ein Verhältnis mit ihrem späteren Mann Martin Heiser an, der als Fuhrmann im Weingeschäft des Vaters arbeitete. Sie machte in Heidesheimer Geschäften Schulden, verschenkte Gegenstände wie Kleidungsstücke, die sie eigentlich selbst brauchte oder tauschte sie gegen Naschwerk ein. Ihr Vater Max Stein starb 1902 nach schwerer Krankheit. Da war sie 15 Jahre alt. Rosa Stein floh aus dem Elternhaus, weil die Familie schon damals überlegte, sie in einer Anstalt unterzubringen. Martin Heiser brachte sie in einem Nachbarort bei Bekannten unter. Sie behauptete, sie wäre schwanger, deshalb heiratete Martin Heiser IV sie am 4. Januar 1906 (Heiratsurkunde 2/1906 Heidesheim) im Alter von 19 Jahren. Er heiratete sie, obwohl er vom Bürgermeister als auch von Rosa Heisers Halbbruder Artur Stein darauf aufmerksam gemacht worden war, dass sie geistig zurückgeblieben war. Rosa Stein ging eine der sogenannten Mischehen ein. Frauen erlernten in dieser Zeit selten einen Beruf. So steht in den Urkunden oft „ohne Gewerbe“.
Eugen Heiser wurde 14 Monate später, am 16. März 1907 in Heidesheim geboren (Geburtsurkunde 18/1907 Heidesheim). Er starb am 11. Mai 1910 (Sterbeurkunde 21/1910 Heidesheim).
Im Oktober 1908 vertrieb Martin Heiser seine Ehefrau und im Dezember reichte er die Scheidungsklage ein. Daraufhin hielt sie sich meistens bei ihrer Mutter und bei ihren Geschwistern auf. Auch da verübte sie wieder viele Betrügereien und Diebstähle. Die Familie kam schließlich der Empfehlung eines Arztes nach. Rosa Heiser wurde am 11. oder am 12. Februar 1909 in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Alzey im Alter von 22 Jahren eingewiesen. Am 14. Mai 1910 wurde die Ehe geschieden. Anscheinend nahm Rosa Heiser wieder ihren Mädchennamen Stein an. Ihr Halbbruder Eugen Stein wurde ihr Vormund.
In der erhaltenen Abschrift der Krankenakte wird der Prozess der Einweisung beschrieben. Laut dieser Akte, in dem das Pflegepersonal wichtige Ereignisse festgehalten hatte, wurde Rosa Heiser durch ihre Schwester eingeliefert, da sie zu Hause „wegen fortgesetzter Diebstähle & Betrügereien unmöglich ist“. In der Aufnahmeakte wird auch Rassismus deutlich: „kräftige junge Frau mit schwarzem Haar & leicht jüdischem Typus“. Was immer das auch sein mag.
Durch das ärztliche Gutachten wurde ihr Entmündigungsprozess eingeleitet. Familie Stein war 1911 nach Frankfurt am Main verzogen. Mehrere Geschwister führten mit der Mutter einen gemeinsamen Haushalt in Frankfurt am Main in der Melemstr. 8. Das Zusammenleben mit Rosa Heiser stellte sich als schwierig heraus. 1913 lebte sie mit einem Mann zusammen, wurde aber bald wieder in Alzey eingewiesen. Am 3. Januar 1914 gebar sie in Alzey einen Sohn und gab ihm den Namen Wilhelm, nach dem Namen des Vaters. Mehrfach entfloh sie aus Alzey und hielt sich in Frankfurt am Main oder in Heidesheim auf. Versuche, für sie eine Stelle außerhalb der Anstalt zu finden, scheiterten. Wilhelm Stein lebte später bei Alexander Ehrenstamm und Fanny, geborene Stein, einer Schwester seines Großvaters Max Stein, (siehe unten).
Am 29. Januar 1916 wurde sie in die Anstalt in Heidesheim eingeliefert. Von einer Beurlaubung kehrte sie nicht zurück, muss sogar bis Ostpreußen gekommen sein und war dann bei den Geschwistern in Frankfurt am Main. Sie gebar einen zweiten Sohn, Hermann Stein, der nur einen Monat alt wurde.
1919 gebar sie ihren dritten Sohn und nannte ihn nach ihrem Halbbruder Eugen Stein. In einem Schreiben vom August 1925 gibt Justizrat Lichten, Mainz, an, dass Eugen die ersten 10 Monate bei seiner Mutter gelebt hat. Ab 1. August 1921 wurde das Kind im Heim für weibliche Fürsorge in Frankfurt untergebracht. Das 1911 eröffnete Kinderhaus entstammt dem 1901 von Bertha Pappenheim und Henriette Fürth gegründeten Verein der Weiblichen Fürsorge als „Israelitischer Frauenverein zur Förderung der gemeinnützigen Bestrebungen für die Gesamtinteressen der jüdischen Frauenwelt“, der verschiedeneEinrichtungen in Frankfurt unterstützte. Am 23. März 1919 wurde ein Kinderhaus in der Hans-Thoma Straße 24 in Frankfurt-Sachsenhausen gegründet. Hier wird Eugen Heiser untergebracht worden sein (siehe URL: https://www.platz-der-vergessenen-kinder.de/home [19. September 2022]). Der Schriftverkehr und Einträge im Protokollbuch der Gemeinde sind im Stadtarchiv Ingelheim am Rhein erhalten. Laut Schreiben des Kinderhauses an die Ortsgemeinde Heidesheim wurde Eugen Stein am 13. Mai 1925 entlassen (StAI, Rep. HH/491/8). Laut einem Brief der Julius und Amalie Flersheimischen Stiftung und der Ignatz und Anna Sichel Stiftung in Frankfurt, Ebersheimstr. 5 (heute Ammelburgstraße?) vom 19. Juni 1932 war Eugen Stein anscheinend anschließend hier untergebracht (StAI, Rep. HH/491/8).
Das nächste Schreiben wurde am 6. September 1935 von der Bürgermeisterei an die Stiftung verfasst. Darin lehnte Heidesheim jede weitere Zahlung ab, da das Kind inzwischen das 16. Lebensjahr erreicht hatte (siehe auch Sitzungsprotokoll Gemeinderat Heidesheim vom 30. Januar 1924, Quelle: STA Ingelheim, StAI, Rep. HH/491/43 sowie Rep. HH/385).
Im Hessischen Hauptarchiv in Wiesbaden liegt ein kleines Aktenbündel zu Eugen Stein, das aufgrund seines Restitutionsantrages ausgestellt wurde. Daraus geht hervor, dass er eine kaufmännische Berufsschule besuchte. Wie er aus Deutschland herauskam, geht aus diesen Akten nicht hervor. Vom 15. Mai 1943 bis zum 18. August 1945 war Eugen Stein, wie er selbst schrieb, im „Ghetto Shanghai“. Am 1. Januar 1947 hätte er sich noch in Shanghai aufgehalten. Am 16. Mai 1947 erhielt er in Shanghai ein Visum für die USA und reiste am 17. Juni 1947 auf der S.S. General M.C. Meigs von Shanghai ab und kam in San Francisco, Kalifornien am 3. Juli 1947 an. Er wollte zu K. Fischer, einem Freund und einem Cousin namens F. Gilbert in Bridgep, Conn. 1954 wohnte er demnach in Newark, NJ, USA in der 69 Elisabeth Ave, war staatenlos und arbeitete dort als Lagerverwalter. Von dort stellte er einen Restitutionsantrag (Akte HHStAW Bestand 518 Nr. 57103).
Ab 1925 ist im Stadtarchiv Ingelheim am Rhein ein Schriftverkehr der Ortsgemeinde Heidesheim zu Rosa Heiser erhalten (StAI, Rep. HH/490/1-109). Hier geht es oft um die Kosten, da die Gemeinde für die Unterbringung von Rosa Heiser aufkommen musste. In der Hauptsache geht es um die Bezahlung ihrer Klinikaufenthalte. Da Rosalia Heiser nicht vermögend war, musste die Gemeinde Heidesheim für sie aufkommen. Die Heidesheimer Ortsgemeinde bevorzugte die Unterbringung in Heidesheim, weil das für sie finanziell günstiger war, auch wenn es aus medizinischen Gründen nicht unbedingt angebracht war. Nachdem sie zwanzig Jahre in Alzey gelebt hatte, war sie von 1929 bis 1937 im Landes- Alten- und Pflegeheim Heidesheim.
1927 wurde Rosalia Heiser in der Hebammenschule Mainz unfruchtbar gemacht. Im Jahr 1929 gab es vermehrt Korrespondenz. Daraus geht hervor, dass Frau Heiser die Klinik in Alzey verlassen wollte. Die Gemeinde Heidesheim befürwortete das, weil eine Unterbringung in Heidesheim weniger kostete. Artur Stein wurde gefragt, ob die Familie sie aufnehmen könne. In einem Brief vom 17. Mai 1929 schrieb er an die Bürgermeisterei Heidesheim, dass weder er noch seine Schwestern – das müssen Helena und Bertha gewesen sein, siehe oben, – die Mittel und den Platz hätten, ihre Schwester aufzunehmen. Weiterhin bezweifelten sie, dass Rosalia Heiser außerhalb einer geschlossenen Anstalt zurechtkäme (StAI, Rep. HH/490/17). Mehrere Briefe von Rosalia Heiser sind erhalten, in denen sie sich die Entlassung wünschte. Am 19. Juni 1929 wurde sie nach Heidesheim überführt Rosa Heiser beklagte sich über die Zustände in der Einrichtung und das Bett, das ihr angeboten wurde. In Alzey hatte sie ein eigenes Zimmer, hier war sie in einem Mehrbettzimmer untergebracht. Weiterhin beschwerte sie sich darüber, dass man sie ihrer Freiheit beraube. Anscheinend wurde ihr nicht erlaubt, in den Ort zu gehen. Am Samstag, den 22. Juni 1929 erhielt sie Ausgang, um ihre Verwandten in Heidesheim zu besuchen. Dort lebte zu diesem Zeitpunkt ihr erster Sohn Wilhelm Stein bei ihrem Onkel Alexander Ehrenstamm und seiner Frau Fanny in der Binger Str. 1 (Zu Wilhelm Stein siehe unten). Diesen Freigang nutzte sie, um nach Frankfurt zu ihrer Familie zu fahren, dort blieb sie zunächst und bemühte sich, Arbeit zu finden. Das gelang nicht. Im September 1929 wurde sie schließlich wieder in Alzey aufgenommen.
Der nächste erhaltene Brief in der Akte wurde erst nach sieben Jahren, am 30. März 1937 geschrieben, von der Anstaltsleitung in Alzey an den Heidesheimer Bürgermeister. Die Korrespondenz ergab sich vermutlich durch einen Streit zwischen der Klinik in Alzey und der Bürgermeisterei Heidesheim darüber, wo Frau Heiser untergebracht werden sollte. Die Klinik in Alzey meinte, Heiser müsse aus medizinischen Gründen dortbleiben, die Gemeinde wollte sie aus Kostengründen lieber in der Pflegeanstalt in Heidesheim unterbringen. Der geänderte Umgang der Nationalsozialisten mit psychisch Kranken wird hier deutlich: „Rosa Heiser geb. Stein ist eine haltlose Psychopatin mit kriminellen Neigungen. Sie hat unzählige Betrügereien begangen, für die sie nicht verantwortlich gemacht werden konnte, weil sie unzurechnungsfähig ist. Sie gehört zu den Menschen, die ausserhalb einer geschlossenen Anstalt nicht leben können. Es fehlt ihr die Fähigkeit, sich sozial einzuordnen, sie hetzt, intrigiert, verleumdet und lügt, betrügt und begeht Durchstrechereien [Betrug, Täuschung] wo sie kann und würde in der Freiheit höheren Schaden anrichten als dem – wie wir nicht verkennen – recht hohen Aufwand an Fürsorge für sie entspricht. Solange keine besonderen Anstalten für die asozialen Elemente bestehen, bleibt nichts anderes übrig, so sehr auch die Allgemeinheit dadurch belastet wird, als sie in geschlossenen Anstalten zu halten. … Wir können vom ärztlichen Standpunkt aus von einer Entlassung nur dringend abraten. Dass es sich nicht um theoretische Bedenken handelt, beweisen die früher fehlgeschlagenen Entlassungsversuche (zuletzt 1929)“ Interessanterweise wird hier ein Herr Julius Stein in Frankfurt als Vormund genannt (StAI, Rep. HH/490/65). Der (neue) Bürgermeister von Heidesheim hat wohl die Akten nicht genau gelesen (StAI, Rep. HH/490/6).
Nach ihrer Flucht wurde Rosa Heiser in einem jüdischen Altersheim und anschließend in der Psychiatrie an der Universität Frankfurt am Main aufgenommen. Laut einem Schreiben vom 19. September 1938 wurde sie am 14. Mai 1937 im Landes- Alters- und Pflegeheim Heidesheim aufgenommen (StAI, Rep. HH/490/84). In einem Brief vom Juni 1937 steht, dass ihr Sohn (Wilhelm?) sie in der Anstalt besucht hatte. Nun lebte sie in der Anstalt in Heidesheim (StAI, Rep. HH/490/75).
Novemberprogrome 1938
Am 17. November 1938 schrieb die Direktion Heidesheim, dass Frau Heiser am 12. November 1938 entwichen sei, also zwei Tage nach den Novemberpogromen der „Reichskristallnacht“ (StAI, Rep. HH/490/85). Sie war nach Frankfurt geflohen, fand dort aber die Wohnungen ihrer Brüder verschlossen. Daraufhin nahm sie das jüdische Altersheim in der Langegasse in Frankfurt am Main vorübergehend auf. Aus einem Brief lässt sich erschließen, dass sie nicht wusste, dass ihre Brüder im Konzentrationslager Buchenwald interniert worden waren. Ihre Halbschwestern Helene Stein und Berta Sauerbach müssen zu diesem Zeitpunkt schon in Stuttgart gewesen sein. Sie bat den Heidesheimer Bürgermeister Koch, eine Pflegerin zu schicken und sie zu abzuholen.
„… da gehe ich anstandslos mit, bis meine Brüder da sind. Ich habe Angst gehabt und dachte man würde mich ermorden, deshalb (sic!) lief ich weg.“
(StAI, Rep. HH/490/86)
Aus den Zeilen lässt sich erschließen, dass sie etwas von den Novemberpogromen mitbekommen haben musste. Was genau, geht aus dem Schreiben nicht hervor. Der Heidesheimer Bürgermeister schrieb ihr daraufhin am 22. November 1938, dass die Gemeinde Heidesheim keine weiteren Kosten für sie übernehmen würde (StAI, Rep. HH/490/87). Sie wusste nicht, was weiter mit ihr geschehen würde, vermutete aber, dass sie wieder nach Alzey gebracht würde (StAI, Rep. HH/490/88). Koch schrieb am 26. November 1938 auch an die Nervenklinik in Frankfurt, dass die Gemeinde Heidesheim keinerlei Kosten mehr übernehmen würde, die Patientin habe die Gemeinde bereits 30.000.- Reichsmark gekostet (StAI, Rep. HH/490/89). Am 3. Dezember 1938 geschrieben, eingegangen in Heidesheim am 7. Dezember 1938, antwortet der ärztliche Leiter, dass Frau Heiser ins jüdische Altersheim Frankfurt, Rechneigraben 18 überwiesen wurde. Kostenträger wäre das Fürsorgeamt. Er stellte auch eine Diagnose: „Frau H. leidet an einer schweren Melancholie und ist zurzeit noch nicht entlassungsfähig. Sie bedarf voraussichtlich einige Wochen der Behandlung auf einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung“(StAI, Rep. HH/490/90). Möglicherweise wollte er Frau Heiser vor dem Heidesheimer Bürgermeister schützen. 1939 war sie wieder in der Anstalt in Heidesheim.
Vom 13. November bis 14. Dezember 1938 war Artur Stein im KZ Buchenwald interniert (Dokumente siehe URL: https://collections.arolsen-archives.org/en/archive/1-1-5-3_01010503-001-488-167 [2025]>>>). Die Inhaftierten wurden mit der Auflage entlassen, dass sie Deutschland verließen. Laut Einwanderungspapieren kam das Ehepaar Artur und Emma Stein am 3. Februar 1939 in den USA an. Sie reisten auf der „Hamburg“ von Cherbourg aus nach New York (Quelle: URL: https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:3QS7-99HD-2P2Z?view=index&personArk=%2Fark%3A%2F61903%2F1%3A1%3AQP7D-VYP1&action=view&lang=de [2025]) Artur Stein war 57 Jahre alt. Ihre erste Adresse war 117 Newbold Place, Kew Gardens. Es ist nicht bekannt, wer das Ehepaar aufgenommen und für es gebürgt hat.
Auch Eugen Stein wurde in Zusammenhang mit den Novemberpogromen unter der Häftlingsnummer 25083 im KZ Buchenwald vom 12. November bis zum 14. Dezember 1938 interniert. Er wohnte 1938 in der Liebigstr. 24 FfM (Häftlingskarte Buchenwald, Staatsarchiv Stuttgart FL 300/31 III BÜ 4540).
Zur Volkszählung der Minderheiten im Mai 1939 lebte er noch in Frankfurt am Main. Im September 1939 ist er in dem Dorf Corbridge bei Newcastle, England, im Haus Uplands gemeldet. 1948 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft (Auskunft von Robert Tomski über Geni, 2/2025). In dem Dokument wird „Commercial Representative“ als Beruf angegeben. Am 24. Oktober 1951 starb er. Er lebte zuletzt in Meldon terrace Heaton in Newcastle upon Tyne (siehe URL: https://www.geni.com/documents/view?doc_id=6000000215540030834 [2025]).
Ermordung ion Hadamar
Weiteres erfahren wir von der Bezirksstelle Mainz der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, der Krankenversicherung von Juden, nachdem diese aus den allgemeinen Krankenkassen herausgeworfen worden waren:
„Am 18.12.1939 wurde sie in die Landes Heil- und Pflegeanstalt Philippshospital bei Goddelau überführt. Grund war der Beginn des 2. Weltkriegs. Die Einrichtung in Heidesheim wurde in ein Lazarett umgewandelt. Nach der für die Nazis erfolgreichen Westoffensive 10. Mai bis 25. Juni 1940 wurde die Landespflegeanstalt in Heidesheim wieder in Betrieb genommen und Rosalie Heiser am 23. August 1940 wieder dorthin zurück überwiesen.“
Schreiben vom 21. Oktober 1941 an den Bürgermeister der Gemeinde Heidesheim, StAI, Rep. HH/490/109.
Laut Recherchen von Madeleine Michel in der Gedenkstätte Hadamar wurde Rosalia Heiser am 26. Mai 1941 in die Anstalt Eichberg verlegt (E-Mail vom 19. Dezember 2022). Eichberg war zu diesem Zeitpunkt eine sogenannte „Zwischenanstalt“ für die Tötungsanstalt Hadamar. Vom Eichberg gelangte Frau Heiser in einem Transport mit 86 weiteren Patientinnen bzw. Patienten am 25. Juni 1941 nach Hadamar. Renate Rosenau schrieb:
„Rosa Heiser wurde am 25. Juni 1941 in Hadamar vergast. Das Sonderstandesamt der Tötungsanstalt Hadamar beurkundete den Tod für den 7. Juli 1941, 12 Tage später, eine übliche amtliche Urkundenfälschung bei den Euthanasie-Opfern bis zum Ende der Gasmorde der 1. Phase im August 1941.“
Hadamar war zwischen Januar und August 1941 in die sogenannte „Aktion T4“ eingebunden. Der Sitz der „Zentraldienststelle“ war in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Nach der Ermordung der Menschen wurden die Patientenakten nach Berlin verschickt. Dort sind sie bis Kriegsende vernichtet worden. Dies geschah absichtlich durch das dortige Personal.
Die Patientinnen bzw. Patienten eines solchen Transports wurden in der Tötungsanstalt Hadamar in der Regel noch am Tag der Ankunft in die im Keller der Anstalt befindliche Gaskammer geschickt und ermordet. Ihre Leichname wurden anschließend eingeäschert. Das damals offiziell mitgeteilte Todesdatum und die Todesursache wurden falsch angegeben, um Angehörige und Behörden zu täuschen. Laut Renate Rosenau, die an der Klinik in Alzey forscht,
„ermöglichten die gefälschten Sterbetage, bei den Kostenträgern einen längeren Zeitraum für die Kostenerstattung anzufordern, in diesem Fall 12 Tage mehr, und außerdem mit dem hohen, unüblichen Tagespflegesatz von 5 RM anstelle der üblichen 1,80 (Pflegeheime wie Heidesheim, bzw. 3,50 RM bei Heil- und Pflegeanstalten wie Alzey). Bei jüdischen Opfern gehörte diese besondere Verwaltungsstrategie zum Thema Ausplünderung, und bei diesen und allen anderen T4-Patienten zur Mitfinanzierung der Krankenmorde. Mit der 10. Verordnung zum Reichsbürgergesetz von 1938 war die Reichsvertretung der deutschen Juden in die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ mit Sitz Kantstraße, Berlin, zwangsweise umgewandelt worden, Juden waren aus den gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen rausgeflogen und wurden jetzt von der Reichsvereinigung bearbeitet. Daher die Schreiben an die zuständige Bezirksstelle der RV in Mainz. Die Androhung am Ende des Schreibens vom 3. Oktober 1941 bezieht sich auf die Abrechnung. Wer den Brief verfasst hat, kann ich nicht erkennen, ich vermute aber, dass er vom Bezirksverband Nassau und dessen Leiter, dem Landesrat und Anstaltsdezernenten Fritz Bernotat (https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Bernotat), Mitglied von NSDAP, SA, SS, einer der leitenden Akteure bei den NS-Krankenmorden, bzw. von einem seiner Mitarbeiter des Bezirksverbandes Nassau stammt. Der Bezirksverband war u.a. Träger von Anstalten wie Hadamar, Weilmünster, Eichberg. Bei den Krankenakten gab es jeweils zwei Bündel: die ärztlichen Akten und die Verwaltungs-/Abrechnungsakten. Es ist selten, dass Akten wie diese erhalten sind!“
(E-Mail vom 15. September 2022).
Rosa Heiser, verh. Heiser war sicher keine einfache Person. Es gibt auch schwierige jüdische Menschen. Nicht alle sind Einstein.
Wilhelm Stein
Wilhelm Stein wurde nach seinem Vater benannt. Wilhelm Stein wurde laut Meldekarte im Stadtarchiv Ingelheim seit seiner Geburt von seinem Großonkel Alexander Ehrenstamm, dem Bruder seiner Mutter und seiner Frau Fanny in Heidesheim, Binger Str. 1. aufgenommen. Vormund war sein Onkel Eugen Stein, ein weiterer Bruder seiner Mutter aus der ersten Ehe ihres Vaters in Frankfurt am Main. Laut Meldekarte Heidesheim verzog Wilhelm am 1. Februar 1935 volljährig nach Kaiserslautern. Am 29. März 1935 zog er aus Kaiserslautern wieder zu und lebte bei seinem Großonkel Alexander Ehrenstamm in der Binger Str. 1. Während der Novemberpogrome am 10. November 1938 war er noch in Heidesheim gemeldet. Er verzog am 17. November 1938 nach Mainz. Es ist nicht bekannt, wo er während des 2. Weltkrieges war. Als „Halbjude“ gehörte er zu den Verfolgten. Er war in erster Ehe in Mainz-Gonsenheim verheiratet. Zum 1. Mai 1946 meldete er einen Textilhandel in der Binger Str. 1 in Heidesheim an, also im Geschäft, das sein Großonkel Alexander Ehrenstamm und dessen Tochter Rosa Gruner 1933 zusammen mit ihrem Mann Benno Gruner übernommen hatte (siehe Rosa Gruner). Am 31. Dezember 1984 gab er den Laden aus Altersgründen auf. Er starb am 23. Juli 1994 in Ingelheim am Rhein.
Frau Rosenau schrieb zu dem Dilemma, in dem sich flüchtende jüdische Menschen befanden, wenn sie ihre kranken und alten Angehörigen zurückließen, am 16. September 2022 per E-Mail:
„Auswandernde Familien erhielten für ihre (geistes-)kranken Angehörigen kein Visum für das Aufnahmeland und die Familien mussten entscheiden, ob sie auswandern oder wegen ihrer kranken Angehörigen hierbleiben wollten. Ich kenne eine Anzahl solcher Schicksale, z.B. von den jüdischen Kranken in der letzten Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt Sayn, bekannt als Jacoby’sche Anstalt in Bendorf-Sayn. Diese war im Dezember 1940 durch den Reichsinnenminister zur letzten und einzigen Aufnahmeanstalt für jüdische Geisteskranke – so der damalige Begriff – bestimmt worden und auch Rosa Heiser war mit einigen weiteren jüdischen Patienten aus Heidesheim für Sayn vorgesehen. Aber die Anstalt in Sayn war von ca. 130 auf über 500 Patienten angewachsen und konnte keine weiteren aufnehmen.“
Danke an Frau Renate Rosenau, Alzey, Peggy Meenzen, Stadtarchiv Ingelheim und Karl Urhegyi, Heidesheim, für die Mithilfe. März 2026.
n gab er es aus Altersgründen auf. Er starb am 23. Juli 1994 im Krankenhaus in Ingelheim.


