Familie Koch

Stolpersteine für Lina und Alfred Koch in der Mainzer Straße 14

Lina Koch
Lina Koch

Für die Geschwister Lina und Alfred Koch wurden am 3.10.2008 auf Wunsch der heutigen Hausbesitzerin Frau Brigitte Luithle Stolpersteine für die ermordeten früheren Bewohner dieses Hauses gesetzt. Frau Luithle wollte auf diese Weise das Andenken an die früheren Bewohner des Hauses bewahren.

 

 

 

 

 

Stolpersteine für Lina und Alfred Koch

Aufschrift der Stolpersteine

HIER WOHNTE
LINA KOCH
JG. 1883
DEPORTIERT 1942
PIASKI
FÜR TOT ERKLÄRT

HIER WOHNTE
ALFRED KOCH
JG. 1886
DEPORTIERT
AUSCHWITZ
ERMORDET 1942

Der Brief einer Cousine aus Frankfurt an Lina Koch zum jüdischen Neujahrsfest im Jahre 1900 ist erhalten geblieben.

Lina und Alfred Koch waren zwei von drei Kindern des Düngemittelfabrikanten Heinrich Koch. Diese Fabrik gab es seit ca. 1860 in der Gemarkung „Im Blumengarten“, neben dem heutigen Sportgelände. Die Familie lebte in der Mainzer Straße 14, gegenüber der Remigiuskirche.

 

 

 

 

Düngemittelfarbeik Heinrich Koch. Die Tribüne ist dort, wo sie sich heute noch befindet. Dahinter die Fabrik. Quelle: Archiv Weiland
Die Düngemittelfarbeik Heinrich Koch. Die Tribüne ist dort, wo sie sich heute noch befindet. Dahinter die Fabrik.                              Quelle: Fotoarchiv Weiland

 

 

Lina Koch

Schülerinnen und Schüler der Albert-Schweitzer-Schule Ingelheim verlasen bei der Stolpersteinverlegung folgenden Beitrag: 

Lina Kochs Eltern heirateten im August 1880. Sie hießen Heinrich und Veronika Koch. Sie besaßen in Ingelheim im Blumengarten eine Düngemittelfabrik.

Lina wurde am 23. Mai 1881 geboren und gehörte wie ihre Eltern dem jüdischen Glauben an. Ihre beiden 5 Jahre jüngeren Zwillingsbrüder Alfred und Friedrich kamen 1886 zur Welt.

In der Düngemittelfabrik ihres Vaters waren über 20 Arbeiter beschäftigt, sie lief gut. Linas Vater wurde in den Gemeinderat von Nieder-Ingelheim gewählt.

Hier wohnte Familie Koch, Mainzer Str. 14 gegenüber der St. Remigiuskirche
Hier wohnte Familie Koch, Mainzer Str. 14 gegenüber der St. Remigiuskirche. Quelle: Fotoarchiv Weiland

Die Familie lebte in der Mainzer Str. 14, gegenüber der Remigius-Kirche. Zu dem 2-stöckigem Wohnhaus gehörten ein Wohnhausanbau, ein Wirtschaftsgebäude mit Anbau, ein Stall und eine Scheune.

Lina gehörte im Karnevalsverein zu den „Tanzgirls“, offensichtlich tanzte sie gerne.

Als Lina 31 Jahre alt war, starb ihr Vater. Mit 33 Jahren erlebte sie den Beginn des 1. Weltkriegs mit, als dieser zu Ende war, war Lina 37 Jahre alt.

Wahrscheinlich musste in dieser Zeit die Düngemittelfabrik geschlossen werden.

Linas Bruder Alfred heiratete 1929 und zog nach Norddeutschland. Sein Zwillingsbruder Friedrich konvertierte zum deutsch-katholischen Glauben und wohnte ebenfalls nicht mehr in Ingelheim.

Als Hitler an die Macht kam, war Lina Koch 52 Jahre alt. Ihre Mutter Veronika starb 4 Jahre später. Lina wohnte nun alleine in der Mainzer Straße 14.

Als Lina 57 Jahre alt war, fand in ganz Deutschland – und auch in Ingelheim – die Reichspogromnacht statt. Auch in die Wohnung von Lina Koch drangen Nazi-Rowdys ein und demolierten alles. Sie selber flüchtete zur Familie Heinrich und Salomon Strauß, die eine Metzgerei schräg gegenüber in der Binger Straße 4 betrieb. Auch dort waren die Nazis gewalttätig und Lina wurde von einem SA-Mann geschlagen.

Lina Koch wurde dann verhaftet, weil sie im Besitz von Goldmünzen war. Und ihr wurden Geld, Schmuck und ihr gesamter Grundstücksbesitz mitsamt dem Gelände der Düngemittelfabrik ihrer verstorbenen Eltern abgenommen. Der Gesamtbesitz war über 45.000 m² groß!

Lina Koch zog nach ihrer Freilassung trotz eines Zuzugverbotes nach Mainz und wohnte dort erst in der Hindenburgstr. 19, dann in der Gartenfeldstraße 2b und zuletzt im Kaiser-Wilhelm-Ring 54.

Sie lebte dann noch kurz in Darmstadt und wurde 1942 – mit 61 Jahren – nach Polen deportiert.

In Polen wird alles – auch die Sprache – erschreckend fremd für sie gewesen sein. Sie wurde am 25. März 1942 in die kleine Stadt Piaski verschleppt, die in der Nähe von Lublin liegt.

Dort war ein Ghetto errichtet worden. Aus Polen wurden dorthin mehrere tausend, aus Westdeutschland ca. 5000 Juden verschleppt. In den „Ghettohäusern“ lebten die Menschen unter katastrophalen Lebensbedingungen. Und wurden alle dort umgebracht oder in Vernichtungslager gebracht.

Lina Koch kam in das Vernichtungslager Belzec. Von den Entkleidungsbaracken führte der „Schlauch“, ein schmaler von Stacheldraht begrenzter 70 Meter langer Weg, zu den Gaskammern. Dort wurde Lina Koch aus Ingelheim aus diesem Haus in der Mainzer Str. 14 am 1. November 1944 vergast. Begründung: Sie war jüdischen Glaubens.

Eine unmenschliche, unverantwortliche Lebensgeschichte von 6 Millionen Lebensgeschichten aus dieser Zeit, die nie mehr vorkommen darf und die wir zutiefst bedauern.

Lilli Nonte, Albert-Schweitzer-Schule Ingelheim 03.10.2008

Quellen: • Mündliche Informationen der Historikerin Dr. Christina Goldmann •

Informationen von Klaus Dürsch •

Meyer /Mentgen: Sie sind mitten unter uns, Ingelheim 1998 •

Internetseiten:

www.yadvashem.org
http://de.wikipedia.org/wiki/Piaski
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Ghettos_in_der_Zeit_des_Nationalsozialismus
http://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtungslager_Belzec
http://www.belzec.org.pl/
http://www.zchor.org/belzec/belzec.htm
http://www.deathcamps.org/belzec/index.html 

In jenen Jahren
war die Zeit gefroren:
Eis soweit die
Seele reichte…

(Rose Ausländer)

Alfred Koch: Auch dass er konvertierte schützte ihn nicht

Alfred Koch 1933 mit seiner Frau Sophie und seinen Kindern Johanne, Helmut und Sophie Quelle: Familienbesitz
Alfred Koch 1933 mit seiner Frau Sophie und seinen Kindern Johanne, Helmut und Sophie
Quelle: Familienbesitz

Lina Kochs Bruder Alfred zog ca. 1928 nach Westrhauderfehn/Ostfriesland. Was ihn dazu bewogen hat, kann man heute nicht sagen. Westrhauderfehn war damals ein kleines Dorf, dass sich langsam zivilisierte und entwickelte. Er eröffnete dort ein Büro als Rechtsbeistand. Sein eigentlicher Beruf war jedoch Chemiker. Er hat in Heidelberg studiert.
Er war dort bei den einfachen Leuten beliebt, weil er sich für ihre Rechte einsetzte und auch schon mal einen Brief für sie verfasste, ohne gleich ein Honorar zu nehmen.

Er lernte dort Johanna Hermine Pfeiffer geb. Linde kennen. Sie nahm seine Dienste als Rechtsbeistand für ihre Scheidung in Anspruch. Die beiden haben sich ineinander verliebt, und Johanna erwartete auch bald ein Kind. Johanna hatte aber einen sehr strengen und dominanten Vater, der schon mit der Scheidung nicht einverstanden war. Er ließ die Hochzeit zwischen ihr und Alfred Koch erst zu, als dieser zustimmte, dem evangelischen Glauben beizutreten. Alfred Koch hat dem nur schweren Herzens zugestimmt. Aber er wollte ja Frau und Kind haben.

Bei der Hochzeit waren auch sein Bruder Friedrich Koch und dessen Frau Sophie anwesend. Alfred Koch´s Vater Heinrich aus Ingelheim war bereits 1912 verstorben und seine Mutter Veronika war wohl schon zu alt (72 Jahre) um so eine lange Reise zu machen.

Alfred Koch nahm auch das Kind aus 1. Ehe seiner Ehefrau, Johann Pfeiffer, an. Der Junge war damals ca. 10 Jahre. Dieser trug dann den Namen Johann Pfeiffer-Koch.

Alfred Koch etablierte sich in Westrhauderfehn und war in der Gemeindepolitik tätig. Er wurde im März 1933 in den Gemeinderat gewählt. Jedoch wurden er und 2 weitere Gemeinderatmitglieder auf Antrag der NSDAP wieder ausgeschlossen. Alfred Koch führte die „Unparteiische Liste für Volkswohl, Recht und Gerechtigkeit“ an, die bei den Wahlen 1933 wie alle anderen Parteien auch 107 Stimmen erhielt. Die NSDAP erhielt 579 Stimmen.

Auch wenn Alfred Koch seit seiner Hochzeit auf dem Papier zum evangelischen Glauben übergetreten war, blieb er doch in der Öffentlichkeit ein Jude. Am 1. Januar 1939 wurde dann verfügt, dass er zu seinem Namen den Zusatz Israel führen musste. Er hieß von diesem Augenblick Alfred Israel Koch. Bald danach wurde seine Ehefrau Johanna von den Behörden zur Zwangssterilisation bestellt. Dazu musste sie ins Kreiskrankenhaus Leer. Johanna Koch kam nie wieder zu ihrem Ehemann und ihren Kindern zurück. Man ließ sie dort verbluten. (Überlieferung von Elfriede Rosendahl, Cousine von Johanna Koch)

Nun lebte Alfred Koch mit den Kindern Elsa und Helmut allein in dem kleinen angemieteten Haus in Westrhauderfehn. Der Stiefsohn Johann Pfeiffer wurde von seinen Großeltern zu sich geholt. „Er sollte nicht allein beim Juden leben“ (überliefert von Johann Pfeiffer). Die Eltern von Johanna Koch, Familie Linde, distanzierten sich ebenfalls von ihren eigenen Enkelkindern. Alfred hatte nur die Unterstützung von Johannas Cousine Elfriede.

Am 5. August 1940 wurde Alfred Koch von der Gestapo Wilhelmshaven abgeholt. Er war allein zuhause und die Kinder waren nicht da. Es wurde auch nicht weiter nach Elsa und Helmut Koch gesucht, weil die Gestapo-Offiziere notierten, dass keine Kinder in diesem Haushalt leben würden. Welchen Grund es dafür gab, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden. Angeblich wurde Alfred Koch ja auch wegen Anzettlung einer Schlägerei festgenommen. Jedoch war das in dieser Zeit nur ein Vorwand. Die Gestapo schrieb viele Unwahrheiten in ihren Protokollen auf. Man teilte den Behörden in Westrhauderfehn sogar irgendwann mit, dass Alfred Koch 18 Monate in Schutzhaft gewesen sei und nach Amerika ausgewandert war. Das war auch eine Lüge.

Er wurde im Oktober 1940 in das KZ Sachsenhausen verbracht (Landesarchiv Oldenburg).
Im Jahr 1941 wurde er dann nach Auschwitz deportiert, wo er am 5.11.1942 ermordet wurde.

Nach seiner Festnahme lebten die Kinder Elsa und Helmut Koch in Westrhauderfehn im örtlichen Armen- und Waisenhaus, welches vom Ehepaar Jürgen und Johanne Ulpts geführt wurde. Sie konnten während ihre Kindheit nicht mit anderen Kindern spielen, wie sie ja „Judenkinder“ waren. Bis auf Elfriede, die Cousine von der Mutter, kümmerte sich niemand von der Familie um diese Kinder. Selbst der Onkel im Rheinhessen, Friedrich Koch, der von der Existenz der Kinder wusste, überließ die beiden während dieser schweren Zeit und nach Ende des Kriegs und des Nationalsozialismus ihrem Schicksal. Helmut Koch, der als 17jähriger eine Stelle als Binnenschiffermatrose hatte, besuchte diesen Onkel und seine Familie einmal überraschend. Sie waren wohl höflich und bewirteten ihn für ein Wochenende. Danach kam aber nichts mehr von der Familie.

Ein Beispiel für Zivilcourage
In Ostfriesland gab es jedoch auch Menschen, die sich gegen die Willkür der Nazis im Stillen wehrten. Es gab dort ein Dorf „Idafehn“, dass in zwei Ortsteilen getrennt gesehen wurde. Da gab es Idafehn Nord, wo überwiegend Landwirte und die Honoratioren des Dorfes wohnten. In Idafehn Süd war die Bevölkerung sehr gemischt. Aber zum größtem Teil lebten dort Binnenschiffer und Seeleute. Die Männer kamen nur selten nach Hause. Aber wenn sie daheim waren, erzählten diese von Dingen, die man in den regionalen Zeitungen nicht lesen konnte. Diese Männer kannten durch ihren Beruf eben die große weite Welt und auch die Politik und das Unwesen, welches die Nazis verübten.

In den Jahren 1938 bis 1945 kam es immer wieder vor, dass flüchtige Juden bei der Familie Seemann vorsprachen und um Unterkunft baten. Sie waren auf dem Weg nach Holland oder nach Hamburg. Es kam immer darauf an, wo die Helfer dieser Menschen waren. Familie Seemann wohnte in Idafehn Süd.

Hanni Seemann versteckte diese Menschen unten in einem eigens dafür bereitgestellten Keller bis die Weiterfahrt gesichert war. Die Nachbarn Trintje Lühring und Fenni Reents halfen ihr dabei in dem sie Lebensmittel wie Kartoffeln oder Gemüse brachten um diese Menschen zu ernähren. Frau Seemann hatte nur einen kleinen Garten und hätte es allein nicht geschafft. So wie überliefert wurde, befanden sich manchmal bis zu fünf Juden oder andere gefährdete Menschen in diesem Keller. Hanni Seemann hielt das immer für selbstverständlich, wenn Jahrzehnte später darüber gesprochen wurde. Sie sagte immer nur: „Bi ki kann elk an door kloppen un um Hülpe frogen. Kein een dürt menschen wat doon, dee nix verbroken hät.“

Übersetzung: „Bei mir kann jeder an die Tür klopfen und um Hilfe bitten. Niemand darf Menschen etwas antun, die nichts verbrochen haben.“

Jedoch durften die Menschen in Idafehn Nord davon nichts erfahren. Aber die Leute in Idafehn Süd hielten zusammen und niemand verlor ein Wort über Hannis Keller.

Sie wurde 99 Jahre alt.

(Laut Mitteilung von Juliane Koch-Sadighi am 21. Mai 2011, Enkelin von Alfred Koch).