Novemberpogrom 1938

Die Ingelheimer Synagoge 1930 Quelle: Ausschnitt aus Luftbild Nr. 10198 Ober-Ingelheim. Quelle: Strähle Luftbild
Die Ingelheimer Synagoge 1930 Quelle: Ausschnitt aus Luftbild Nr. 10198 Ober-Ingelheim. Quelle: Strähle Luftbild

Im ersten Halbjahr 1938 titelte die Ingelheimer Zeitung immer öfter mit antisemitischen Überschriften. Nachdem ein Metzger in der Bahnhofstraße in Ober-Ingelheim ein Schild mit dem Hinweis an der Ladentür angebracht hatte, es seien keine Juden willkommen, folgten diesem Beispiel sehr bald die übrigen Geschäfte. Nieder-Ingelheim wollte seiner Nachbargemeinde anscheinend in dieser Hinsicht nicht nachstehen und zog im Juni 1938 gleich. Ein Redakteur der Ingelheimer Zeitung ging davon aus, dass diese Haltung Schule machen werde und bald die ganze Geschäftswelt von Nieder-Ingelheim „gegen das Judentum Front machen” werde.
… Die Gestapo Berlin hatte bereits allen Staatspolizei(leit)stellen per Fernschreiben mitgeteilt, dass die Konzentrationslager (KL) Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen in der Lage seien, je 10 000 Häftlinge aufzunehmen. Auch die meisten rheinhessischen Juden wurden nach Buchenwald verschleppt. …
Eine Gruppe von österreichischen NSDAP-Mitgliedern aus dem Ingelheimer Arbeitslager in Wackernheim und Ingelheimer SA-Leute drangen in die Wohnung des Lehrers und Kantors Ludwig Langstädter ein, schlugen dort alles kurz und klein und warfen Sachen zum Fenster hinaus. Der Ober-Ingelheimer Willi Dapper drohte, mit einem Hammer in der Hand, die Wohnungsinhaber zu erschlagen. Langstädter und seine Ehefrau Betty fürchteten um ihr Leben und flüchteten durch das Fenster zur Straße. Andere Trupps begaben sich zu den jüdischen Geschäftshäusern, zu denen auch die jüdische Metzgerei Strauß gehörte, zerschlugen die Türen und Fenster, zertrümmerten die Wohnungs- und Ladeneinrichtungen und warfen die Ware auf die Straße. Der Viehhändler Alfred Mayer wurde zusammengeschlagen. Als seine Frau ihm zur Hilfe kommen wollte, wurde auch sie tätlich angegriffen. Die Wohnungen der Familien Schäfer und Raphael wurden zerstört, die Besitzer flüchteten sich zur Familie von Fritz Weitzel. Die Zerstörung der Geschäfte und Wohnungen hielten den ganzen Tag über an. Manche Nachbarn waren behilflich, wenn eine Tür nicht sofort aufbrach: Als der Versuch misslang, die Wohnungstür der Familie Eisemann in der Stiegelgasse zu öffnen, brachte der Nachbar Richard Bauer eine Axt, die dann das Eindringen in die Wohnung ermöglichte. Es lassen sich keine Hinweise dafür finden, dass andere Einwohner zugunsten der Opfer eingegriffen hätten. Am 10. November wurde die 97 Jahre alte Synagoge in Ober-Ingelheim mit Vorschlag- und Schmiedehämmern sowie Brecheisen und Äxten buchstäblich zerschlagen. Zu Beginn der Synagogenzerstörung „hing der damalige Ortsgruppenleiter Mathes den Mantel des Rabbiners um eine Säule und schlitzte diesen mit einem großen Schächtmesser von unten bis oben auf.” Neben Adolf Mathes war der Ortsgruppenleiter Gottlieb Glässel persönlich rege an den Ausschreitungen beteiligt und gab einschlägige Anweisungen.
Die gleichgeschaltete Ingelheimer Zeitung triumphierte einen Tag später und berichtete, es seien von den Schaulustigen „Rufe der Empörung laut [geworden] über das hetzerische und verbrecherische Verhalten des Judentums”. 1946 beschrieb der Neue Mainzer Anzeiger die Ereignisse erwartungsgemäß anders: „Wie in anderen Städten, tobte auch hier am 9. November 1938 eine wilde Horde unter Führung des damaligen Ortsgruppenleiters und SA.-Sturmführers Mathes durch die Straßen. Zunächst war das Ziel die Synagoge in Ober-Ingel-heim, die man mit Aexten und Pickeln fast bis auf die Grundmauern zerstörte. Von der Anlegung eines Brandes mußte man absehen, weil die Nachbarn der Synagoge um ihr Anwesen bangten und protestierten.”
Nach dem Krieg fanden mehrere Gerichtsverfahren gegen die Täter der Judenpogrome in Ingelheim statt.

Die Tage danach
In den Tagen nach dem Pogrom wurde in Berlin am 12. November 1938 eine Verordnung zur „Wiederherstellung des Straßenbildes” erlassen, in der die Juden zur Instandsetzung und Kostenübernahme der Schäden gezwungen wurden. Außerdem wurde ihnen als Strafmaßnahme eine Sondersteuer (Judenvermögensabgabe) auferlegt. …
Auch in Ingelheim sahen sich die Juden weiteren Schikanen ausgesetzt. Am 11. November 1938 empfing der Gendarmeriemeister Eisfeller in der Polizeistation Ober-Ingelheim einen Funkspruch vom Kreisamt Bingen, der auch hier die Kosten für die Aufräumarbeiten den jüdischen Bürgern auferlegte. Am gleichen Tag wurden Listen über die Inhaftierung von männlichen Juden zusammengestellt. Die Liste von Nieder-Ingelheim ist erhalten geblieben. Danach waren am 10. November 1938 folgende Juden festgenommen und ins Mainzer Gefängnis bzw. ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht worden: Salomon Löwensberg, Alfred Mayer, Otto Friedrich Mayer, Karl Neumann und Sally (Salomon) Strauß. Doch es sind nicht alle erfasst, es fehlen z. B. Moritz Haas, Max Jesselsohn, Hans Neumann und andere. Einige der Inhaftierten kamen nach einer Woche wieder frei, andere wurden bis zu sechs Wochen und länger festgehalten. Da es das erklärte Ziel der nationalsozialistischen Regierung war, die Juden endgültig aus Deutschland zu vertreiben, wurden viele von ihnen nur unter der Zusage, auf schnellstmöglichem Weg auszureisen, entlassen. So erging es auch Hans Neumann aus Nieder-Ingelheim. Am 26. November 1938 wurde der 18-Jährige auf Anordnung der Gestapo Frankfurt aus dem KZ Buchenwald entlassen. Gleichzeitig wurde die Gemeinde Nieder-Ingelheim aufgefordert, die Auswanderung zu überwachen und darüber zu berichten. Hans Neumann musste bei der Polizei in Frankfurt am Main vorstellig werden, wo ihm sein beantragter Reisepass ausgehändigt wurde. Ab dem 12. Dezember 1938 lebte er bei seinen Eltern, die zwischenzeitlich nach Wiesbaden verzogen waren, bis er am 17. Januar 1939 nach Nordamerika emigrierte.
Im Rahmen der Ausschreitungen waren Wohnungen und Häuser der Juden abgesperrt, ihnen der Zutritt untersagt und die Gaszufuhr unterbrochen worden. Erst am 26. November teilte die Kreisverwaltung mit, dass gemäß der Verfügung der Hessischen Landesregierung vom 19. November 1938 den jüdischen Familien der Zugang zum Gasnetz wieder gewährt werde, soweit es die lokalen Umstände erlaubten. Die Entscheidung darüber blieb also den einzelnen Gemeinden überlassen. Die Geschäftsleitung der Gas-, Wasser-und Elektrizitätswerke Nieder-Ingelheim setzte die Verordnung erst einen Monat später, am 31. Dezember 1938 um. Erforderliche Aufräumungsarbeiten nach den Zerstörungen wurden der israelitischen Gemeinde in Rechnung gestellt.

Viele Ingelheimer Juden hatten bis 1942 aufgegeben, waren emigriert, hatten ihren Besitz verkaufen müssen. Immerhin wurde in der Ingelheimer Zeitung zwischen 1937 und 1938 mindestens zwanzigmal über den Verkauf eines jüdischen Hauses und/oder Geschäftes, die Enteignung von Gelände etc. berichtet. Die tatsächliche Zahl der Verkäufe dürfte deutlich höher liegen, denn die Zeitungsberichte erfassten zum Beispiel nicht die Verkäufe von Grundstücken und Weinbergen. Einem Schreiben des Bürgermeisters der Stadt Ingelheim an den Landrat in Bingen ist zu entnehmen, dass am 1. November 1939 nur noch neun jüdische Familien in Ingelheim lebten. Ihre letzten Jahre waren von Arbeitslosigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung, von Hunger und Schikanen geprägt.

Auszug aus: Hans-Georg Meyer: Wer mit Juden handelt, gilt daher als unehrenhaft, in: Hans-Georg Meyer, Caroline Klausing Hrsg.), Freudige Gefolgschaft, und bedingungslose Einordnung, Ingelheim 2011, S. 452f. Volltext und Quellenverweise siehe im Buch.

Hans Harry Neumann erzählt 2008 vor einer Klasse der Kaiserpfalz Realschule plus.

Zeitzeugenaussage Neumann Hans Pogromnacht Ingelheim

Siehe auch eine Powerpointpräsentation. Sie darf gerne für nichtgewerbliche Zwecke eingesetzt werden.