Gedenkstunde aus Anlass der Novemberpogrome 1938

Stele am Synagogenplatz, Stiegelgasse 25

Anstelle der Gedenkstunde finden Sie hier einen Beitrag zur Erinnerung und Mahnung. Wer will, kann Blumen oder Kerzen an der Stele auf dem Synagogenplatz (Stiegelgasse 25) niederlegen.

Was geschah während des Novemberpogroms in Ingelheim? In diesem Jahr soll insbesondere der Menschen gedacht werden, die in dieser Nacht in Ingelheim gelitten haben und die anschließend im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt wurden. Das Pogrom fand in Ingelheim wie bekannt während des 10. November statt. Es war ein Donnerstag.

Die Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung der deutschen Juden fand an diesem Tag ihren ersten grausamen Höhepunkt.

Angefangen hatte die Ausgrenzung schon gleich nach der Machtübernahme der NS-Diktatur im Januar 1933. Die Ingelheimer Juden waren sehr assimiliert. Die Maßnahmen der nächsten Jahre machten sie durch die Gesetzgebung zu Juden. Ob sie es wollten oder nicht. Erst Ausgrenzung durch Gesetze! Dann Vertreibung und wer nicht ging oder gehen konnte wurde ermordet. Identität wird oft von außen bestimmt, auch heute noch. Die Betroffenen können sich nicht wehren.

Die Diskriminierung konnte auch in der Ingelheimer Zeitung nachgelesen werden. Immer mehr Dörfer in der Umgebung prahlten damit, dass sie „judenfrei“ geworden waren. Viele Ingelheimer verließen ihre Heimat – wenn sie das Geld aufbringen konnten, flexibel genug waren und Verwandte in anderen Ländern hatten. Wenn sie arm waren, hatten sie keine Chance, der Verfolgung zu entkommen. Unter den deutschen Juden die ermordet wurden waren viele Arme und Alte.

1933 lebten 115 Juden in Ingelheim, 1938 waren es noch 76. Viele hatten es geschafft, ihre Kinder außer Landes zu bringen. Es war schwierig, Aufnahmeländer zu finden.

1938 wurden viele sog. „Ostjuden“, die hauptsächlich in Berlin wohnten, nach Polen abgeschoben. Polen wollte sie aber nicht. So saßen sie an der Grenze zwischen Deutschland und Polen fest. Unter ihnen waren die Eltern von Herschel Grünspan, der ein Attentat auf einen Pariser Botschaftsangehörigen verübte.


Nach heutigen Erkenntnissen führte die jahrelange Hetze dazu, dass viele Parteigenossen nun die Zeit gekommen sahen, die deutschen Juden endgültig zu liquidieren.


Ausgegangen sind die Pogrome von der Regierung in Berlin, insbesondere von Josef Goebbels, jedoch gab es auch in der Provinz schon eigene Initiativen.
Es gab sog. „Rollkommandos“, welche die Initiativen entwickelten und dann zusammen mit ortsansässigen nationalsozialistischen Aktivisten gegen Wohnungen, Geschäfte und jüdische Gotteshäuser vorgingen.

In Ingelheim begannen österreichische SA-Leute, die in Wackernheim stationiert waren. Es handelte sich hier um österreichische Nazis, die nach einem Putschversuch 1934 flohen und vom Deutschen Reich aufgenommen wurden.

Dieses Rollkommando begann seine Untaten am 10. November 1938 um 10.00 Uhr. Anhand von Berichten der Täter und der Augenzeugen lässt sich ihr Weg gut nachzeichnen. Diese Berichte sind in den Akten der Gerichtsprozesse erhalten, die nach dem Krieg stattfanden. Das „Rollkommando“ zog auf den Marktplatz von Nieder-Ingelheim. Dort traf es sich mit den ortskundigen Ingelheimern. Nun zogen sie die Mainzer Straße hinunter und überzogen ein jüdisches Haus nach dem anderen mit Terror. Alfred Mayer in der Mainzer Straße 64, direkt unterhalb des Marktplatzes, war der erste. In der Regel verwüsteten die Unholde die Wohnungen. Interessanterweise ließen sie die Malzfarbrik links liegen. Allerdings wurde auch Salomon Löwensberg verhaftet und im KZ Buchenwald interniert. Das nächste Opfer war die 66 jährige Witwe Frieda Mayer. Sie lebte allein in der Mainzer Straße 29. Auch sie wurde nicht verschont. Gleich nebenan wohnte Otto Mayer mit seiner Familie. Der zuständige Ingelheimer Gestapochef fordert dazu auf, ihn tüchtig zu verprügeln. Anscheinend hatte er eine persönliche Rechnung offen. So lässt sich der Weg weiter verfolgen. Die Untaten können hier gar nicht alle geschildert werden. Manches ist auch nicht genug dokumentiert. Der Mob malträtierte die alleinstehende Lina Koch, drang beim Metzger Strauß ein und zogen weiter in die Bahnhofstraße. Hans Neumann schilderte bei seinem Besuch hier, dass er die Wohnungseinrichtung auf der Straße fand, aus dem ersten Stock hinuntergeworfen, als er aus Wiesbaden von der Arbeit heimgekehrt war. Die Zerstörer zogen die Bahnhofstraße hinauf nach Ober-Ingelheim. Hier suchten sie die Familie Wertheim/Oppenheimer in der Heimesgasse heim: Was wird die 3-jährige Renate gedacht haben, als die Horde eindrang. Laut Zeitzeugenberichten versteckte sich die Familie im Garten.

Die Synagoge Ober Ingelheim, eine bearbeitete Luftaufnahme von 1930 Foto: Straehle

Weiter ging es zur Synagoge. Hier war ein Trupp, angeführt von einem Ingelheimer Lehrer, den ganzen Tag damit beschäftigt, die Synagoge niederzulegen. Auch aufgehetzte Schüler waren dabei. Vorne befand sich die Wohnung von Ludwig Langstädter und nebenan das Schuhgeschäft Schäfer und Raphael. Auch hier wurde alles kurz und klein geschlagen. Desgleichen beim Kolonialwarenhändler Eisemann gleich um die Ecke. Sogar die Familie Löb wurde nicht verschont, die doch recht versteckt im Oberen Zwerchweg wohnte.
Es fragt sich, was die Menschen dazu bewegte, mit dieser ungeheuren Zerstörungswut vorzugehen.
Nicht genug damit setzte sich ein Trupp auf einen Lastwagen und randalierte in Jugenheim und am Abend in Bingen.

Nach allem was wir wissen wurden acht Männer verhaftet und in das KZ Buchenwald gebracht:

Salomon Löwensberg, Alfred Mayer, Otto Mayer, Karl Neumann und sein Sohn Hans, Erich Oppenheimer, Sally Strauß und Josef Wertheim. Insgesamt wurden dort ca. 10.000 Männer für ein paar Wochen interniert. Es sollte Druck aufgebaut werden, um sie zur Ausreise zu bewegen. Sie wurden dort für ein paar Wochen festgehalten.

Unter den 10.000 Inhaftierten im KZ Buchenwald waren auch mindestens acht Ingelheimer


Salomon Löwensberg konnte noch 1941 in die USA emigrieren. Alfred Mayer 1940. Otto Mayer kam 1942 im Emslandlager Neusustrum um. Karl Neumann zog zunächst nach Wiesbaden. Viele Juden zogen in größere Städte, weil sie sich in der Anonymität mehr Sicherheit erhofften. Sein Sohn Hans entkam 1939 in die USA und besuchte mehrere Male Ingelheim. Erich Oppenheimer floh in die USA, kam nach dem Krieg zurück und starb 1994 in Bingen. Sally Strauß floh in die USA und starb 1992 in Chicago. Joseph Wertheim wurde mit seiner Frau Anna und seiner Tochter Renate und seiner Schwiegermutter Sophie Oppenheimer am 20. September 1942 in den Osten deportiert und wurde mit großer Wahrscheinlichkeit direkt in das Vernichtungslager Treblinka gebracht und dort sofort durch Gas ermordet.

Viele von ihnen haben keine Angehörigen, die sich ihrer erinnern können. Deswegen übernehmen Bürger in Ingelheim diese Aufgabe. In diesem Jahr wurden die Stolpersteine von vielen verschiedenen Menschen gereinigt und mit Blumen und Kerzen geschmückt.


Wir wollen, dass in unserer Stadt niemand mehr zu einem Fremden gemacht und ausgegrenzt oder sogar abgeschoben wird. Auch dafür stehen unsere Initiativen.

Stolpersteine für Familie Wertheim vor der Heimesgasse 6

Klaus Dürsch
Vorsitzender des Deutsch-Israelischen Freundeskreis Ingelheim e.V.
Das Buch von Hans-Georg Meyer: Sie sind mitten unter uns, 1998, ist nach wie vor eine wichtige Quelle für die Geschichte der Ingelheimer Juden. Christian Müller legte in diesem Jahr dem Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vor eine Masterarbeit über die Novemberpogrome in Rheinhessen vor. Ihm verdanke ich wertvolle Hinweise.

Am Samstag, den 7. November 2020 wurden die Stolpersteine gereinigt. Da es diesmal nicht möglich war, dass eine Gruppe unterwegs war, organisierte InRage eine Partnerschaft für die Reinigung. Wer Steine reinigen wollte, konnte sich in eine doodle-Liste eintragen. Es klappte. Die Kollage oben gibt einen Eindruck von den vielen Ideen der Teilnehmer. Vielen Dank. Nur in der Mainzer Straße fehlten aufgrund der Baustelle dort die Steine. Sie werden anschließend wieder gesetzt.

Unser Beitrag zum Tag des offenen Denkmals. Klicken Sie >>>>>HIER>>>>>>

Wer ist dieses Mädchen?

Renate Wertheim Aus einem erhaltenen Fotoalbum der Familie

Renate Wertheim.- Angenommen, sie wäre 1939 im Alter von 4 Jahren mit ihrer Oma auf den Friedhof gegangen …

Ein Beitrag zum Tag des offenen Denkmals am 13. September 2020

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Ein Beitrag zum Tag des offenen Denkmals

Ein weiterer Link zu Renate Wertheim >>>>hier klicken

Neues zum Michael-Sternheimer Wald in Karmelgebirge siehe unten

Stadtrat verabschiedet Resolution

Der Stadtrat von Ingelheim am Rhein hat am 21. Oktober 2019 eine Resolution gegen Antisemitismus verabschiedet. Darin wörtlich:

Ingelheim ist eine weltoffene, vielfältige, tolerante und internationale Stadt, die von unterschiedlichen Herkünften unddem guten Zusammenleben aller ihrer Menschen profitiert. Inihr ist kein Platz für menschenverachtendes Gedankengut undFremdenfeindlichkeit. Vor diesem Hintergrund spricht derStadtrat von Ingelheim den jüdischen Bürgerinnen und BürgernIngelheims seine uneingeschränkte Solidarität aus undverurteilt ausdrücklich auch jegliche Art von antisemitischmotivierten Diskriminierungen und Gewalt.

Der Stadtrat sieht diese Resolution auch als Selbstverpflichtung der hiervertretenen demokratischen Parteien.

>>> Der Wortlaut >>>

 

Jüdische Grabsteine in Ingelheim online gestellt.

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Jüdischer Friedhof Großwinternheim                          Foto: Michael Schlotterbeck

Beate Schwenk schrieb in der Allgemeinen Zeitung Ingelheim:

„INGELHEIM – Es ist eine ebenso mühsame wie verdienstvolle Aufgabe, der sich Klaus Dürsch über zehn Jahre hinweg gewidmet hat. Der Vorsitzende des Deutsch-Israelischen Freundeskreises (DIF) hat die mehr als 200 Grabsteine auf den vier jüdischen Friedhöfen in Ingelheim dokumentiert. Zunächst wurden alle Steine fotografiert, danach in akribischer Feinarbeit Inschriften entziffert und Abkürzungen entschlüsselt. Experten vom Essener Steinheim-Institut sorgten für Ergänzungen und die Digitalisierung der Daten. Das Projekt wurde von der Stadt Ingelheim und der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten finanziell gefördert.

 

„Die schwierigste Arbeit war das Entziffern der teilweise recht verwitterten hebräischen Schriften“, berichtet Klaus Dürsch, der elf Jahre lang in Israel gelebt und gearbeitet hat. „Manche Abkürzungen erschlossen sich erst in detektivischer Arbeit.“ Auf die Idee, die Grabsteine auf den jüdischen Friedhöfen zu dokumentieren, kam Dürsch, als er für den Friedhof Im Saal einen Lageplan anfertigen wollte. Im Jahre 2001 nämlich hatte man die Grabsteine, die in der NS-Zeit auf den Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße gebracht worden waren, wieder an ihren ursprünglichen Standort Im Saal zurückversetzt. Bei seiner Arbeit entdeckte Dürsch, dass die bisherige Editierung ergänzungsbedürftig war.

 

 Seit dem 14. Jahrhundert lebten in Ingelheim nachweislich Juden. Wo die ersten Friedhöfe lagen, ist nicht bekannt. Die vier erhaltenen Ruhestätten – Im Saal, Hugo-Loersch-Straße, Rotweinstraße und in Großwinternheim – stammen aus der Neuzeit. „Abgesehen von den hebräischen Inschriften sehen die jüdischen Friedhöfe nicht anders aus als die Friedhöfe unserer Vorfahren“, sagt Dürsch. „Die Steine wurden von den örtlichen Steinmetzen gefertigt, es wurden die gleichen Modelle verwendet.“ Auch die Symbolik sei sehr ähnlich. Es gibt Bilder wie die abgeknickte Rose für ein verstorbenes Mädchen oder die gebrochene Säule für den Tod in der Lebensmitte. Doch auch typisch jüdische Symbole, wie die segnenden Hände, sind über einigen Gräbern zu erkennen. So zum Beispiel auf dem Grabstein von Abraham Mayer in Großwinternheim (gestorben im Juni 1870).

Der älteste noch erhaltene Grabstein stammt aus dem Jahr 1726 und steht auf dem jüdischen Friedhof Im Saal. Der graue Sandstein ist stark verwittert und die Inschrift schwer zu entziffern. Möglicherweise wurde der Grabstein für die Gattin eines Ber/Per Oppenheim errichtet. Ein besonders aufwändig gestaltetes Denkmal steht auf dem Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße. Die Sandsteinstele mit Sockel und Rundbogenabschluss ist mit floralen Motiven verziert und erinnert an Bertha Stern (gestorben am 17. Juli 1892). Eine Besonderheit ist auch der Grabstein für die Familien Mayer-Goetz auf dem jüdischen Friedhof in der Rotweinstraße. Die Inschriften erinnern nicht nur an Michael Mayer, der dort 1935 beerdigt wurde, sondern auch an weitere Familienmitglieder, die in Auschwitz beziehungsweise nach der Flucht in Südamerika gestorben sind.

Datenbank hilft, Angehörige ausfindig zu machen

„Der weitere Verfall der Grabsteine, insbesondere der alten Sandsteine, wird sich nicht aufhalten lassen“, ist Klaus Dürsch bewusst. Durch die Dokumentation aber würden die Daten gesichert und stünden somit für Recherchen zur Verfügung. „Es kommt immer mal jemand vorbei, der Angehörige sucht“, erklärt der DIF-Vorsitzende. „Für diese Menschen ist die Datenbank eine Hilfe, Angehörige ausfindig zu machen und Informationen über sie zu erhalten.“